Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Statistik als Kartenhaus

Die USA ändern ihre nationalen Statistiken gern so, dass sie die Wirtschaft des Landes in positivem Licht erscheinen lassen

08.06.2010 Die Enron-Pleite im Jahr 2001 zählt zu den bedeutenderen Einschnitten in der US-amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Der Energiehändler, der sich selbst zuweilen als „The World’s Greatest Company“ bezeichnete, verursachte wegen fortgesetzter Bilanzmanipulationen einen der größten Wirtschaftsskandale und eine der größten Unternehmenspleiten, die eine drastische Verschärfung der Regeln für die Unternehmensberichterstattung nach sich zog.

 

Dass das Schummeln und Manipulieren von Wirtschaftsdaten keine Spezialität skrupelloser Unternehmen ist, haben nun Wissenschaftler festgestellt. So berichtet das „Handelsblatt“, dass die USA während der vergangenen Jahre ihre nationalen Statistiken mehrfach so verändert haben, dass sie höhere Wachstumswerte, eine stärkere Produktivitätssteigerung und niedrigere Inflationsraten als zuvor ausweisen.

 

Ein Beispiel: Abweichend von internationalen Gepflogenheiten buchen die Amerikaner neuerdings ihre stark wachsenden Ausgaben für Waffensysteme als Investitionen. In anderen Ländern werden sie als staatliche Konsumausgaben gezählt. Investitionen gelten als Treiber künftigen Wachstums.

 

Das hat handfeste Vorteile: Derart statistisch aufgebesserte Daten locken höhere Finanzzuflüsse an, auf die die USA dringend angewiesen sind.

 

Zu den schönfärberischen Änderungen gehört auch die Praxis Wachstumswerte und Produktivitätsgewinne eines Quartals auf ein Jahr hochzurechnen, weil die Zahlen dann größer aussehen. Bei den Inflationswerten dagegen unterbleiben solche Hochrechnungen.

 

Zwar gibt es bei den Vereinten Nationen Gremien, die für einheitliche internationale Statistik-Standards sorgen sollen. Die USA, so heißt es, stimmen sich dort aber nicht ab, sondern vollziehen ihre statistischen Verfahrensänderungen einseitig und informieren die Gremien hinterher. Der Rest der Welt könne dann überlegen, ob und wie die amerikanischen Methoden zum Standard erhoben werden können. Zumeist ziehen dann andere Länder nach, um Verzerrungen in internationalen Vergleichen zu vermeiden.

 

Überzeichnet haben die USA während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte offenbar besonders gern ihre Produktivitätsentwicklung. Die Produktivitätsgewinne lagen zuletzt regelmäßig deutlich über den europäischen Vergleichswerten. Nun beurteilen Wissenschaftler die Produktivitätsvorsprünge der USA seit Mitte der 1990er Jahre als „statistisches Artefakt“. Andere schätzen, dass die Daten für das volkswirtschaftliche Wachstum der USA im Vergleich zu Europa um zwei Prozent pro Jahr überzeichnet sind.

 

Die unangenehme Folge: Investoren, die auf die positiven US-Daten vertrauen und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine Fabrik oder eine Niederlassung errichten, finden später heraus, dass sich die dort erhofften Produktivitätsvorsprünge und erwarteten Renditen gar nicht realisieren lassen. Selbst solche Diskrepanzen lassen sich statistisch nachweisen: Die Renditen amerikanischer Investoren im Ausland fallen regelmäßig wesentlich höher aus als Investitionen ausländischer Investoren in den USA.

 

Angesichts all solcher Manipulationen, die oft im methodischen Hintergrund stattfinden und nur von Statistikexperten erkennbar sind, vergeht vielen Wirtschaftspraktiken das Lachen über den Spruch, der immer wieder Winston Churchill zugeschrieben wird: „Ich glaube nur den Statistiken, die ich selbst gefälscht habe“. Aus heutiger Sicht fallen Statistik-Laien eher Parallelen zu Griechenland auf, dessen Regierung es jahrelang gelungen ist, die europäischen Behörden und EU-Partner über ihre Haushaltsdefizite zu täuschen. Solche Kartenhäuser aber drohen irgendwann zusammenzubrechen.