Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Vergesst Viren und Trojaner

Die eingebauten Fehler in unseren Wirt-schaftscomputern sind viel folgenreicher für unseren Wohlstand

05.10.2010 Computer bilden heutzutage das Herzstück der Wirtschaft (und der staatlichen Verwaltung). Sie steuern Maschinen und riesige Produktionsanlagen, sie handeln mit Wertpapieren und ziehen Steuern ein. Groß ist deshalb die Furcht davor, daß Viren, Würmer und anderes Ungeziefer sich in den Rechnern einnisten und dort ein riesiges Chaos anrichten. Derzeit sind gerade industrielle Steuerungsanlagen von Siemens sehr gefährdet.

In manchen Computern sind allerdings Fehler fest eingebaut. Nehmen wir die Computer, die die gesamte Wirtschaftsleistung eines Landes, das Bruttoinlandsprodukt ausrechnen. Irgendwie basieren deren Programme alle auf der Grundformel MV = PY. Die Formel besagt, dass die gesamte Geldmenge (M) eines Landes multipliziert mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (V) genauso groß ist wie das Bruttoinlandsprodukt (Y) multipliziert mit dem Preisindex (P). Oder anders ausgedrückt: Es ist genauso viel Geld vorhanden wie – einschließlich Mehrfachverwendung – nötig ist, um die Summe aller verkauften Produkte und Dienstleistungen zu bezahlen.

 

Tatsächlich aber ist diese Formel Fiktion, oder doch zumindest unvollständig. Denn in der Realität werden eine ganze Menge Geschäfte abgeschlossen und bezahlt, die bei der Addition der Wirtschaftsleistung, also beim Bruttoinlandsprodukt, gar nicht mitgezählt werden. Wenn Herr A von Frau B 100 Aktien X kauft, zählt das beim Bruttoinlandsprodukt gar nicht mit. Leicht lässt sich erahnen, daß dieses Geschäft aber durchaus auf der linken Seite der Gleichung (Geldmenge mal Umlaufgeschwindigkeit des Geldes) mitgezählt werden müsste. Mit einer derart lückenhaften Formel arbeiten die Volkswirte trotzdem und wundern sich dann, wenn ihre Konjunkturprognosen am Ende nicht stimmen. Andere Leute füttern ihre Computer mit den falschen Prognosen und lassen ihre Rechner, die sie noch mit allerlei komplizierten mathematischen Formeln wie Algorithmen füttern, irgendwelche Wertpapiere kaufen oder verkaufen. Da können leicht Unglücke passieren.

 

So geschehen am 6. Mai dieses Jahres, als irgendwelche wildgewordenen Rechner im US-Bundesstaat Kansas 75.000 Wetten im Wert von vier Milliarden Dollar zum Verkauf gestellt haben. Binnen weniger Minuten rauschte deshalb der wichtigste Aktienindex der Welt, der Dow Jones Index, um 1000 Punkte in die Tiefe. Innerhalb von 20 Minuten wurden dadurch Anlagevermögen im Volumen von 900 Milliarden US-Dollar ausgelöscht. Es machte quasi „Puff“, und einige Menschen auf der Welt waren um eine Illusion und viele Dollar ärmer als zuvor.

 

Wer wissen will, wie bedeutsam die Lücke in der Grundformel unserer vorherrschenden Volkswirtschaftslehre ist, der möge sich nur vergegenwärtigen, daß an jedem einzelnen Handelstag  allein an den Devisenmärkten Geschäfte im Volumen von mehreren Tausend Milliarden Dollar abgewickelt werden. Und nicht nur das Ausmaß dieser Geschäfte ist bedeutsam. Da viele dieser Geschäfte mit Hilfe von Krediten finanziert werden, ist auch die Anzahl der beteiligten Personen bzw. Institutionen erheblich. Trotzdem werden derlei Geschäfte auf der rechten Seite der Grundformel (Preisindex mal Bruttoinlandsprodukt) nicht mitgezählt, haben aber doch irgendwie mit der linken Seite (M x V) zu tun.

 

Jahrzehntelang war die Lücke in der Formel fast ohne Belang, weil die meisten Menschen nur ein paar Notgroschen auf der hohen Kante hatten. Seit aber die Rentenansprüche von Millionen Bürgern in Fonds gebündelt sind und der Wert dieser Fonds von Wertpapier- und Devisenkursen abhängig sind, hat sich die Lage verändert. Vergessen wir also die Viren und Würmer. Die eingebauten Fehler in unseren Computern sind schlimmer.