Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Zurück zu den Wurzeln

Studenten fordern weltweit: Die Wirtschaftslehre soll auch alternative Modelle und Theorien berücksichtigen

06.05.2014 Nicht nur die Weltwirtschaft befindet sich in einer Krise. Die Wirtschaftslehre ist es auch. So beginnt der Aufruf eines internationalen Netzwerks Studierender der Wirtschaftswissenschaften, der auch von über 170 Professoren unterzeichnet und gestern veröffentlicht wurde. In dem Netzwerk haben sich Initiativen und Gruppen von Studierenden von Argentinien und Chile bis Kanada, und von Spanien und Schweden bis Indien zusammengeschlossen. Die Initiatoren verlangen darin mehr intellektuelle Vielfalt und eine stärkere Berücksichtigung alternativer Theorien und Denkmodelle.

 

Seit mehr als 30 Jahren wurde in Deutschland und international eine Volkswirtschaftslehre verbreitet, die die Freiheit über alles stellt. Doch wenn Ökonomen von Freiheit reden, dann haben sie nicht so sehr die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger im Sinn, sondern die Freiheit des Marktes. Jeder Marktteilnehmer soll die Freiheit besitzen, nach streng ökonomischen Kriterien das meiste aus dem Wirtschaftsgeschehen für sich herauszuholen. Gewinnmaximierung wird so zu einem Wert an sich geadelt.

 

Die Befürworter dieser Lehre sind sich bis heute nicht zu schade, höhere Weihen für sich in Anspruch zu nehmen, indem sie sich auf den Stammvater dieser Lehre berufen. Der schottische Moralphilosoph Adam Smith bezeichnete im 18. Jahrhundert den Markt als Teil einer göttlichen Ordnung und pries ihn auch deshalb in leuchtenden Farben. Die Regeln, nach denen dieser Markt funktioniert, wurden quasi als naturgesetzliche Gegebenheiten unhinterfragt akzeptiert.

 

Viele Ökonomen und Vertreter anderer Disziplinen haben immer wieder versucht, dagegen anzureden oder zu schreiben. Sie haben beispielsweise empirisch bewiesen, daß es den Menschen, der ausschließlich seinen ökonomischen Vorteil sucht – den von der Ökonomie propagierten fiktiven Homo oeconomicus– gar nicht gibt. Reale Menschen beziehen in ihre Überlegungen immer auch immaterielle Werte wie beispielsweise Gerechtigkeit, Sicherheit, Gleichberechtigung oder Umweltschutz in ihre Überlegungen ein.

 

Andere Forscher haben bewiesen, dass der Markt die Moral der Menschen untergräbt. Wieder andere, darunter beispielsweise John Maynard Keynes, haben gezeigt, daß das Geschehen an den Märkten immer wieder stark von psychologischen Dispositionen der Marktteilnehmer geprägt und teilweise verzerrt wird. Von Karl Marx und Friedrich Engels, die die Marktwirtschaft – vulgo: Kapitalismus – als System der Ausbeutung geißelten, ganz zu schweigen.

 

Die Studenten, die den „Internationalen Aufruf für eine plurale Ökonomik“ unterzeichnet haben, fordern, daß der ideengeschichtliche Vielfalt der Theorien in der Volkswirtschaft der Platz eingeräumt wird, der ihr gebührt.

 

Dieser Appell ist keineswegs neu. In Harvard haben vor einigen Jahren Studenten im ersten Semester die Grundkurse in Volkswirtschaft boykottiert. Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und das „Handelsblatt“ haben in einer gemeinsamen Broschüre schon mal einen Ökonomieprofessor zitiert, der die Grundkurse in seinem Fach als „Gehirnwäsche“ bezeichnet hat. Und in der Krise haben europäische Wirtschaftsprofessoren in einem „Manifest bestürzter Ökonomen“ Fehler ihres Fachs aufgelistet, die zur Entstehung dieser Krise beigetragen haben.

 

Neu an dem Studentenappell ist allenfalls, dass er in einem internationalen Netzwerk von fast weltweiter Ausdehnung entstanden und entwickelt worden ist. Das gibt Hoffnungen Nahrung, daß die Zunft der Ökonomen endlich zu ihren Wurzeln zurückfindet und einsieht: Nationalökonomie ist keine Natur-, sondern eine Geisteswissenschaft!