Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Wohlstand für Wenige

Ein neues Buch über die wachsende Ungleichheit der Verteilung des Reichtums erregt die Gemüter

03.06.2014 Ein Gespenst geht um in der Welt. Es ist aber nicht, wie andere Gespenster, nur eine Einbildung verwirrter Köpfe. Es ist real. Es ist das Gespenst der Ungleichheit. Es ist ein Gespenst, weil man es nicht sehen, hören oder befühlen kann. Aber man kann es beschreiben.

 

Zum Beispiel so: Während in Spanien, Griechenland, Irland und Nordamerika Hunderttausende Familien ihr Wohneigentum und Millionen Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz und damit ihre Existenzgrundlage verloren haben, kauft ein Milliardär in London ein Penthouse für eine Summe, für die ein Arbeiter im – weitgehend deindustrialisierten – Großbritannien etwa tausend Jahre lang arbeiten müsste.

 

 

Der französische Ökonom Thomas Piketty hat das Gespenst genauer beschrieben und damit rund 700 Buchseiten gefüllt. Er hat da unter anderem beschrieben, worauf die OECD schon seit Jahren hinweist und wovor sie warnt: wachsende Ungleichheit in den Gesellschaften ihrer 34 – vorwiegend westlichen – Mitgliedsländern: Die Reichen werden immer reicher und die Armut und das Armutsrisiko nehmen zu.

 

 

Obendrein hat Piketty noch ein paar Analysen hinzugefügt, die ihn zu der Einsicht führten, dass die zunehmende Konzentration von Reichtum in den Händen von immer weniger Menschen eine typische Eigenart des Kapitalismus ist. Mit dieser These wurde die englischsprachige Ausgabe seines Buches in den USA zum Bestseller und sein Autor zum Star.

 

 

Das wurde den eingefleischten Advokaten der reinen Marktwirtschaft denn doch zu viel. Es hagelte Kritik. Piketty habe falsch gerechnet bzw. falsche statistische Daten verwendet. Das mit den unendlich wachsenden Vermögen stimme nur, heißt es anderswo, wenn die Reichen ewig lebten. Tatsächlich aber stürben aber auch die Vermögenden und verteilten dann ihr Hab und Gut auf ihre Kinder und Kindeskinder. Soll wohl heißen: Dann verteilen sich große und kleine Vermögen auf mehrere Schultern. Oder Konten.

 

 

Doch während sich die Kritik an den theoretischen Thesen Pikettys festbeißt, herrscht erstaunliche Ruhe um die Feststellung, dass Einkommen und Vermögen sich während der vergangenen Jahre immer stärker auf eine kleine Spitzengruppe konzentrieren. So hat die OECD schon vor Jahr und Tag darauf hingewiesen, daß die Schere zwischen Arm und Reich sich in keinem Industrieland so schnell und so weit öffnet wie in Deutschland.

 

 

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler wies kürzlich darauf hin, dass die Arbeitseinkommen der Durchschnittsverdiener in Deutschland seit mehr als zehn Jahren stagnieren. Das habe es in keinem anderen Industrieland gegeben, stellte Wehler fest. Die Einkommen der Vorstände der 30 Dax-Unternehmen dagegen sind von 1989 bis 2010 vom 20-fachen des Arbeitslohns ihrer Arbeitnehmer auf das 200-fache gestiegen. Und die Vermögen der zehn Prozent reichsten Deutschen sind seit 1970 von 44 Prozent des Gesamtvermögens auf 66 Prozent gestiegen.

 

 

All das wird inzwischen wohl auch den Wählern immer bewusster – in Deutschland vielleicht noch etwas weniger, in anderen europäischen Ländern mehr. Die haben zwar nicht Pikettys Statistiken im Kopf, aber irgendjemandem geben sie die Schuld an der um sich greifenden Misere der Mittelschicht. Für die einen ist es die Europäische Union, für andere sind es die Zuwanderer, für wieder andere ist es die angebliche Dekadenz der liberalen Gesellschaft. Und dann wählen sie rechtsextreme oder linksextreme oder offen nationalistische Parteien, die mit markigen Sprüchen uralte Vorbehalte gegen Liberalität und Demokratie wiederbeleben und zum Rückzug in die nationale Wagenburg blasen, in der es angeblich früher allen besser ging. Der Erste und der Zweite Weltkrieg werden dabei selbstverständlich ausgeblendet.