Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
Wolfgang Köhler Redaktionsbüro

Giftige Wohlstandssuppe

Die Politik kann sich nicht dazu durchringen Systemfehler abzustellen, die als Ursache der Finanzkrise gelten

12.10.2010 Weltweite Handelsungleichgewichte gelten Volkswirten als Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise. Exportstarke Länder wie China und Deutschland haben jahrelang viel mehr Güter und Dienstleistungen in andere Länder verkauft als sie von dort importiert haben. Das Geld, das sie dabei verdienten, haben sie vorzugsweise dort angelegt, wo die meisten ihrer Kunden sitzen: in den importhungrigen USA. Der Kapitalexport machte dort Kredite billiger und verführte die Amerikaner dazu, Häuser en gros zu kaufen, auch wenn sie sich die gar nicht leisten konnten.

Im Frühjahr 2009 beschlossen die G-20, mit diesen Handelsungleichgewichten solle Schluss sein. China versprach auch sogleich, seine Binnennachfrage anzukurbeln, damit das Land mehr Waren importiert. Seine Währung aber hält es strikt auf einem festen Wechselkurs zum US-Dollar – von gelegentlichen Anpassungen in homöopathischen Dosen abgesehen. Importe bleiben deshalb teuer, Exporte billig.

 

Deutschland hat zwar eine flexible Währung, reagierte und reagiert aber auf entsprechende Vorhaltungen empört. Hierzulande sieht man die hohe Wettbewerbsfähigkeit der Exportbranchen als hohes Gut an, das man nicht freiwillig und ohne Not aufgeben will. Die Bundesregierung rät den heimischen Tarifpartnern allenfalls, die Löhne jetzt einmal kräftiger steigen zu lassen. Der dadurch möglicherweise auszulösende Anstieg des heimischen Konsums (einschließlich steigender Importe) wird aber gleich wieder kassiert – durch harte Bremsmanöver bei den Staatsausgaben.

 

Während die Regierungen, wie jetzt wieder bei der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF), sich weiter streiten, verfestigen sich die Handelsungleichgewichte. Einen Beitrag zu deren Abbau leisten allenfalls die amerikanischen Verbraucher – allerdings nicht ganz freiwillig. Die einen haben Job und Einkommen verloren, andere sind wegen der drastisch gesunkenen Marktwerte ihrer Häuser überschuldet und ächzen unter der Last der teuren Hypotheken. Sie können einfach nicht mehr so viel konsumieren (und importieren) wie zuvor. Regierung und Notenbank der USA bemühen sich allerdings nach Kräften, den Sparzwang, dem die Verbraucher unterliegen, zu lockern, indem sie die heimische Wirtschaft mit frisch gedrucktem Geld überschwemmen.

 

Die Globalisierung, fordern kluge Geister immer wieder, erfordere globale Regeln und koordiniertes Handeln. Doch der US-Präsident wird nicht von europäischen oder chinesischen Wählern gewählt, die deutsche Bundesregierung nicht von Franzosen oder Griechen. Nicht einmal die 15 (bald 16) Mitgliedsländer der Eurozone können sich derzeit auf eine einheitliche Wirtschafts- und Finanzpolitik verständigen, obwohl diese unter dem Schirm der gemeinsamen Währung dringend geboten wären. Mit den fest zementierten Handelsungleichgewichten aber werden, wenn Wirtschaftswelt und Politik sich nicht doch noch eines Besseren besinnen, immer mehr der giftigen Ingredienzen in unsere Wohlstandssuppe geschüttet, die die große Finanz- und Wirtschaftskrise erst ausgelöst haben: Es sind dies Kapitalströme, die des einen Schuld und des anderen Vermögen aufbauen und weiter wachsen lassen.

 

Sicherlich kann die deutsche Wirtschaft ihre Exportstärke noch eine Weile weiter nutzen und das dabei verdiente Geld in Form von Krediten und Investitionen im Ausland anlegen. Wir müssen aber wissen, dass ein Gläubigerland sich damit zunehmende Risiken aufhalst. Wenn unsere Schuldner eines Tages den Kredit, den wir ihnen einräumen, nicht mehr bezahlen können, dann werden sich viele Vermögen hierzulande einfach in Luft auflösen.