Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Die Stimme gegen die Sparwut

Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman hält die Ausgabenkürzungen der Regierungen für gefährlich

05.07.2010 Die Beschlüsse des G-20-Gipfeltreffens in Kanada haben unter Volkswirten eine lebhafte Debatte ausgelöst. Sollen die Regierungen sparen, um die Krise zu beenden, oder die Konjunktur mit zusätzlichen Ausgaben weiter anheizen? Die einen befürchten, dass die Staatsschulden in vielen Ländern außer Kontrolle geraten könnten, die anderen, dass der Aufstieg aus der Krise ohne staatlichen Ausgabenschub noch nicht gelingen wird.

 

Für Länder wie Griechenland oder Spanien ist die Sache schon entschieden. Unter dem Druck der nicht mehr ganz so vertrauensseligen Kreditgeber haben sie sich zum Sparen entschlossen. Großbritannien gebärdet sich gerade als Muster-Sparnation. Schatzkanzler George Osborne hat seine Ministerkollegen aufgefordert zu prüfen, ob sie jeweils eine Kürzung von 40 Prozent der Ausgaben bewältigen könnten. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich erfreut darüber, dass die G-20-Regierungen ihre Haushaltsdefizite bis 2013 halbieren wollen.

 

Sparen die Regierungen sich nun gesund oder die Konjunktur kaputt? Vorerst rankt sich um diese Frage nur eine akademische Debatte. Je nachdem aber, wie die Welt in der Wirklichkeit auf die Sparmaßnahmen reagiert, werden die Menschen die Folgen dieser Beschlüsse bald zu spüren bekommen.

 

Der exponierteste Vertreter der Spargegner ist zweifellos Paul Krugman, Princeton-Ökonom, „New York Times“-Kolumnist und Wirtschaftsnobelpreisträger. In der vergangenen Woche beklagte Krugman, dass sich irgendwie die Überzeugung breit gemacht habe, „jetzt sei es an der Zeit die Staatsausgaben zu kürzen, obwohl die wichtigsten Wirtschaftsnationen noch arg geschwächt“ seien. Das führe, so Krugman, geradewegs in die nächste Rezession.

 

Vor dem Treffen der Staats- und Regierungschefs haben auch US-Präsident Barack Obama und sein Finanzminister Timothy Geithner  noch vor allzu großer öffentlicher Sparsamkeit gewarnt. Doch auch in den USA haben die Spar-Apostel inzwischen die Oberhand gewonnen.

 

Nun befürchtet Ökonom Krugman sogar, dass auf diese Weise eine langanhaltende Depression herbeigespart würde – die dritte der Wirtschaftsgeschichte nach der im angelsächsischen Raum sogenannten „Great Depression“ nach 1873 und der Weltwirtschaftskrise nach 1929.

 

Begründet wird die Notwendigkeit zu sparen damit, dass die hohe Staatsverschuldung langfristig die Handlungsfähigkeit der Regierungen untergräbt. Und mit dem Beispiel Griechenlands, dem die Kreditgeber das Vertrauen entzogen haben. Der Nachweis, dass das Vertrauen der Finanzmärkte in die wirtschaftliche Erholung durch fiskalische Sparmaßnahme wiederzugewinnen ist, steht jedoch noch aus.

 

Der Dow Jones Index jedenfalls, das weltweit wichtigste Börsenbarometer, ist inzwischen zehn Handelstage in Folge gesunken. Griechische Anleihen haben seit der Erholung infolge des europäischen Unterstützungspaktes wieder drastisch an Wert verloren.

 

Krugman schließt daraus: „Es scheint, als ob die Finanzmärkte anders als Politiker begriffen haben: Während langfristige eine verantwortungsvolle Finanzpolitik wichtig ist, sind Ausgabenkürzungen mitten in einer Depression, die die Depression verschärfen und der Deflation den Weg ebnen, tatsächlich zum Scheitern verurteilt.“

 

Derweil sonnt sich die deutsche Wirtschaft und mit ihr die Politik in einem Konjunkturaufschwung, der von der Nachfrage nach deutschen Produkten aus anderen Ländern nah und fern getragen wird. Deutschland verlässt sich damit auf die Wirtschaftskraft anderer Länder, um daran zu gesunden. Wenn das mal gut geht.

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