Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Über Wettbüros für Staatsanleihen

Bei Sportwetten warnt der Staat vor Spielsucht, bei Wetten mit Staatsanleihen ist er zuweilen selbst der Dumme

08.02.2010 Staatsanleihen gelten als langweiliges Investment: wenig Rendite, wenig Risiko. Wer sein Geld in Bundesanleihen beispielsweise anlegt, der gilt als biederer Hausvater, der die Chancen des Marktes nicht nutzt, weil er höhere Risiken scheut.

 

Dieser Tage werden derlei Vorurteile ad absurdum geführt. Staatsanleihen mehrerer europäischer Länder sind übel abgestürzt, weil deren Kreditwürdigkeit in Zweifel gezogen wird. Griechenland ist das „Aushängeschild“ dieser Staatspapiere. Die Anleihe von 2005 mit zehnjähriger Laufzeit und einer Nominalverzinsung von 3,7 Prozent hat innerhalb weniger Wochen mehr als zehn Prozent ihres Börsenwertes verloren. Die Rendite über die Restlaufzeit hat sich dadurch auf 6,3 Prozent erhöht.

 

Der Grund für das Desaster ist bekannt: Die Regierung in Athen hat ihre Finanzen geschönt. Jetzt ist der Betrug herausgekommen und die Regierung wird abgestraft: Die Anleger verkaufen ihre griechischen Staatspapiere und bringen ihr Geld in Sicherheit. Sie kaufen stattdessen beispielsweise Bundesanleihen. Die Umlaufrendite öffentlicher deutscher Anleihen ist deshalb schlagartig auf den niedrigsten Stand seit knapp einem Jahr gefallen.

 

Nun weiß man allerdings auch, dass an den Finanzmärkten nicht nur biedere Hausväter unterwegs sind, die ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen. Am Spiel mit Kursen und Renditen beteiligen sich auch eiskalt kalkulierende Spekulanten, die hier ein Riesengeschäft wittern. Wer sind denn die Investoren, die in der vergangenen Woche den portugiesischen Finanzminister haben abblitzen lassen? Der wollte eine Anleihe über 500 Millionen Euro auflegen, doch die potentiellen Abnehmer traten in den Käuferstreik. Sie nahmen der Regierung in Lissabon nur Anleihen im Volumen von 300 Millionen ab. Daraufhin brachen auch die Kurse portugiesischer Staatsanleihen ein. Waren da wirklich nur biedere Hausväter am Werk?

 

Nehmen wir mal an, eine Bank oder ein Fonds besitzt portugiesische Staatsanleihen im Volumen von 100 Millionen Euro. Die Manager fürchten einen Kurssturz dieser Anleihen. Deshalb verkaufen sie kurz vor der Auktion der neuen Anleihe alte Anleihen im Volumen von 300 Millionen Euro – die 100 Millionen Euro aus dem Wertpapierbestand, und 200 Millionen als sogenannte Leerverkäufe.

 

Der Markt, der für portugiesische Staatsanleihen ohnehin nur begrenzt aufnahmefähig ist, wird dadurch geradezu überflutet. Nun kommen auch noch Anleihen im Volumen von 500 Millionen Euro dazu. Da ist der Markt überfordert – zumal das öffentliche Gerede um die Kreditwürdigkeit Portugals anschwillt. Die Kurse stürzen deshalb ab und die Auktion neuer Anleihen wird ein Flop, was die Kurse noch weiter unter Druck setzt und neue Negativkommentare provoziert.

 

Das ist der Moment, an dem unser fiktiver Investor zuschlagen kann: Er kauft nach und nach billigst die Anleihen im Volumen von 300 Millionen Euro zurück, billiger jedenfalls, als er sie nur wenige Tage vorher verkauft hat. Wenn der Unterschiedsbetrag nur fünf Prozent beträgt, beläuft sich der Gewinn des Investors auf 15 Millionen Euro. Die kann er auch noch in der Gewissheit einstreichen, dass die Europäische Union Portugal beispringen wird, wenn alle Stricke reißen. Die Kreditwürdigkeit eines ganzen Landes hat dagegen schweren Schaden genommen.

 

Das Beispiel erscheint Ihnen wie ein an den Haaren herbeigezogener, irrwitziger Fall? Dann erinnern Sie sich mal an die Spekulation des Investors George Soros gegen das Pfund Sterling im Jahr 1992. Der hat damals quasi im Alleingang die britische Regierung und die ehrenwerte Bank von England in die Knie gezwungen. Dagegen erscheinen die Märkte für griechische oder portugiesische Staatsanleihen wie diejenigen irgendeines obskuren Penny-Stocks. Die lassen sich mit geringem Einsatz manipulieren.