Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Über zerstörerische Spekulation

In der Finanz- und Wirtschaftskrise zerfallen selbst manche ehernen Überzeugungen zu Staub

02.03.2010 Zu den wichtigen, immer wiederkehrenden Argumenten der Finanzmarktakteure für eine freiheitliche Finanzmarktarchitektur gehört der Satz: Spekulation ist gut. Mit ihrem Geld sorgten die Spekulanten für Liquidität an den Märkten. Sie sorgten dafür, dass es selbst dann noch Käufer für Anlagewerte gebe, wenn die Mehrzahl der Besitzer verkaufen wollten. Ohne Spekulation seien funktionierende Börsen nicht denkbar. Solche Sätze gehören schon so lange zu den ehernen Dogmen der Finanzwelt, dass niemand sie mehr anzweifelt.

 

Ähnlich feste Überzeugungen begleiten seit Jahrzehnten den Aufstieg der Derivate, das sind Finanzinstrumente, die von irgendwelchen anderen Finanzwerten abgeleitet sind. Dazu gehören auch die Kreditausfallversicherungen, die unter der Bezeichnung „Credit Default Swaps“ – kurz: CDS – gehandelt werden. Mit ihnen könnten Anleger sich gegen den Ausfall – sprich: die Zahlungsunfähigkeit – von Schuldnern absichern, sagen die Befürworter solcher Instrumente. Auch so ein ehernes Dogma der Finanzgemeinde.

 

Und nun kommt ein Wolfgang Schäuble daher, um den CDS-Markt zu regulieren. Ausgerechnet ein CDU-Minister in einer schwarz-gelben Koalition, deren Mitglieder doch seit Jahrzehnten mit den Finanzwölfen geheult haben. Was ist nur in den Bundesfinanzminister gefahren?

 

Es gehört zu den Eigenarten dieser Finanz- und Wirtschaftskrise, dass sie vorher fest betonierte Überzeugungen wie Staub zerbröseln lässt. Nehmen wir einmal die Währungsspekulation. Banken leihen sich bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Minimalzinsen Milliarden von Euro. Die EZB will mit der Geldflut die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen anregen. Doch die Banken haben damit anderes im Sinn. Sie spekulieren damit. Sie spekulieren in Aktien und Rohstoffen, Devisen und Derivaten.

 

Die Krise um die griechischen Staatsfinanzen kommt ihnen da gerade recht. Eine Geschichte, die sich wunderbar zur Spekulation eignet. Mit dem Geld der EZB kann man beispielsweise in Derivaten auf oder gegen griechische Staatsanleihen spekulieren. Man kann auch im Handel mit CDS auf griechische Staatsanleihen mitmischen. Und man kann die Milliarden Euro von der EZB benutzen, um gegen den Euro zu spekulieren. Auch dafür gibt es Derivate.

 

Solche Derivate haben zumeist den Vorzug, dass man nur einen Bruchteil der Summen einsetzen muss, die man benötigen würde, wenn man die Wertpapiere oder Devisen, die ihnen zugrunde liegen, direkt kaufen würde. Trotzdem machen die Derivate jede Kurszuckung des zugrunde liegenden Basispapiers fast ungeschmälert mit. Mit weniger Einsatz kann man dementsprechend einen viel höheren Gewinn (oder Verlust) generieren.

 

Wenn viele Banken und andere Hedge Fonds sich an solchen Spekulationen beteiligen, geraten die Märkte ordentlich in Bewegung. Im Falle Griechenlands bzw. der Eurozone geht die Wirkung nun allerdings so weit, dass durch die Spekulation ganze Volkswirtschaften in Turbulenzen geraten und destabilisiert werden. Wer hätte sich vor sechs Monaten oder drei Jahren wohl vorstellen können, dass eine Angela Merkel sich besorgt über den Zustand der Gemeinschaftwährung äußert? Das alles geht nun offenbar sogar den verlässlichsten Unterstützern einer liberalen Finanzmarktarchitektur zu weit.

 

Diesen Prozess der Aufweichung festgefügter Dogmen kannte schon Joseph Schumpeter. Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert stellte er fest: Die Marktwirtschaft – damals noch „Kapitalismus“ geheißen – habe die Tendenz, die sie „schützenden Schichten zu zerstören, ihre eigenen Verteidigungsanlagen niederzureißen und die Besatzungen ihrer Schutzwälle zu zerstreuen.“