Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Gute Spekulation, schlechte Spekulation

Die Debatte um Spekulationen übergeht häufig den wichtigsten Punkt: die Kredite, die dafür eingesetzt werden

26.04.2011 Über die Spekulation wird derzeit heftig debattiert. Einerseits, so heißt es, treibe die Spekulation mit Rohöl, Metallen und Nahrungsmitteln deren Preise nach oben. Andererseits sei Spekulation nicht von sich aus schlecht; vielmehr sorge sie für Liquidität an den Märkten. Soll heißen: Wenn gerade sonst kein Abnehmer einen Rohstoff kaufen will, ein Spekulant findet sich immer.

 

Wenn viele Spekulanten kaufen und deshalb die Preise eines Rohstoffs steigen, verweisen sogenannte Marktbeobachter gern auf eine steigende Nachfrage. Man scheut sich nicht einmal, auf die wachsende Weltbevölkerung oder den zunehmenden Rohstoffhunger der Schwellenländer als Ursache dafür hinzuweisen.

 

Ja, nickt dann der geneigte Leser oder Hörer, ja, die Weltbevölkerung. In dem Moment denkt er natürlich nicht daran, daß die Weltbevölkerung schon seit 150 Jahren rasant wächst, und auch nicht daran, daß seit genau so langer Zeit immer neue „Schwellenländer“ auftauchen, die gerade eine Industrie aufbauen und deshalb großen Rohstoffbedarf entwickeln. Deutschland gehörte Ende des 19. Jahrhunderts dazu, vor vierzig Jahren waren es Japan und die asiatischen Tigerstaaten. Und jetzt sind es die BRIC-Staaten Brasilien, Russland Indien und China. In dem Zusammenhang wird auch gern übersehen, daß die BRICStaaten selbst bedeutende Rohstofferzeuger mit steigenden Lieferkapazitäten sind. Anfang 1999 wurde ein Barrel Rohöl für unter zehn US-Dollar gehandelt und auch damals schon wuchs der Rohölbedarf weltweit.

 

Geändert hat sich seither nicht, daß der Rohstoffbedarf wächst. Geändert haben sich vielmehr die Spekulationsmethoden. Früher hat beispielsweise ein Landwirt seine Ernte, die er im Herbst einfährt, schon im Frühjahr auf Termin verkauft. Häufig war der Käufer ein Spekulant. Bis zur Auslieferung der Ernte hatte der Spekulant den Lieferkontrakt längst weiterverkauft, weil er beispielsweise mit zehn oder 100 Tonnen Weizen gar nichts anzufangen wusste. Am Ende landete der Weizen bei einem Mühlenbetrieb oder einem anderen Weiterverarbeiter.

 

Heute sind an den Rohstoffmärkten Spekulanten am Werk, die nicht nur mit Computern hoch gerüstet sind, um blitzartig auf jede kleinste Preiszuckung an dem jeweiligen Markt zu reagieren. Vielmehr stocken sie ihr eingesetztes Kapital zusätzlich mit hohen Krediten auf, um größere Mengen kaufen und verkaufen zu können.

 

Manche Ökonomen haben nachgerechnet, daß viele Hedge Fonds nur minimale Jahresrenditen von vielleicht einem Prozent oder noch weniger erwirtschaften würden, wenn sie nur das eigene Kapital einsetzen würden. Tatsächlich aber stocken sie ihr Kapital gern um das Zehn- oder Zwanzigfache mit Krediten auf. Die sogenannte Hebelwirkung der Kredite katapultiert die Jahresrendite dann auf zweistellige Prozentwerte herauf. Geht es dagegen schief, fallen hohe Verluste an. Noch immer handeln auch etliche Banken selbst in dieser Weise. So kommt es, daß das an den Rohstoffmärkten eingesetzte Kapital innerhalb weniger Jahre von etwa 5 Milliarden Dollar auf nahezu das Hundertfache gestiegen ist.

 

Die Kredite, die bei solchen Finanztransaktionen eingesetzt werden, wirken in keiner Weise produktiv. Sie bewirken nicht, daß mehr Güter und Dienstleistungen, die eine wachsende Weltbevölkerung benötigt, hergestellt werden. In wachsendem Umfang dienen sie vielmehr dafür, Rohstoffe in großen Mengen einzulagern. Das Angebot wird somit künstlich verknappt. Banken, die solche Kredite vergeben, sind auf Gedeih und Verderb auf steigende Rohstoffpreise angewiesen, weil ihre Kunden sonst Verluste machen und die Banken die Kredite womöglich abschreiben müssen. Deswegen wird das Finanzsystem immer unsicherer.