Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Niemand stoppt die Preistreiber

Die Rohstoffmärkte sind fest im Griff von Spekulanten. Jetzt wetten sie nicht mehr nur, sondern verknappen auch noch das Angebot

25.01.2011 Vor drei Jahren noch verwies Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman die Vermutung, der Ölpreis werde von Spekulationen und nicht von Angebot und Nachfrage getrieben, ins Reich der Fabel. Spekulationsgeschäfte, so argumentierte Krugman damals, werden mit Terminkontrakten oder Optionen getätigt. Das Öl, das mit riesigen Tankern vom Nahen Osten nach Europa oder Amerika verschifft werde, wechsle auf diese Weise noch während der Fahrt mehrfach den Besitzer. Dadurch werde aber die Nachfrage nach dem begehrten Rohstoff nicht erhöht. Am Ende der Kette säßen die Ölkonzerne, mithin Profis, die nicht mehr und nicht weniger Öl kaufen, als sie an den Märkten absetzen können.

 

Krugman musste inzwischen seine Meinung ändern. Er hatte inzwischen das unabdingbare Merkmal für spekulative Preistreiberei – eine künstliche Verknappung des Angebots – entdeckt. „Die Öllager schwellen an und auf den Meeren werden Tanker zurückgehalten“, schrieb er im August 2009. „Jetzt ist es keine Frage mehr: Spekulationen treiben die Preise in die Höhe.“

 

Womöglich haben die Spekulanten von Krugman gelernt und die Konsequenzen gezogen. Sie begnügen sich nicht mehr damit, reine Wetten auf steigende (oder fallende) Preise einzugehen. Kürzlich konnte man in einem Interview mit einem Banker lesen, daß diverse Hedge-Fonds (und wohl auch Banken, die wie Hedge-Fonds agieren) inzwischen damit begonnen haben, riesige Lagerstätten für Weizen, Öl und andere Rohstoffe zu bauen oder anzumieten, um diese dort in der Hoffnung einzulagern, daß deren Preise – beschleunigt durch die vom Markt genommenen Mengen – bald steigen werden.

 

Bei Energierohstoffen werden zumindest die um das Klima besorgten Bürger die Effekte der Preistreiberei nicht allzu sehr bedauern. Wenn Energie teuer ist, drehen sparsame Haushälter die Heizungen herunter und fahren weniger mit dem Auto. Das dämpft den CO2-Ausstoß und damit den weltweiten Temperaturanstieg.

 

Ganz anders liegen die Dinge bei Nahrungsmitteln. Seit Mitte vergangenen Jahres sind die Preise für Weizen, Mais, Sojabohnen und Rindfleisch an der Börse von Chicago, dem wichtigsten Handelsplatz für solche Produkte, dramatisch angestiegen. Das deutsche Statistische Bundesamt hat bei landwirtschaftlichen Produkten insgesamt für November 2010 einen Preisanstieg binnen Jahresfrist von über 20 Prozent ausgemacht.

 

Für die meisten Bundesbürger, die ohnehin nur einen relativ geringen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, mag ein solcher Preisanstieg durchaus verkraftbar sein. Anders ist die Lage in ärmeren Regionen der Welt. Als dort die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis oder Mais vor der Finanz- und Wirtschaftskrise schon einmal in lichte Höhen getrieben worden waren, kam es an vielen Orten zu Protesten und Hungerrevolten. Das wird sich womöglich bald wiederholen.

 

Während der Finanzkrise war oft davon die Rede, daß die Finanzmärkte künftig so reguliert werden würden, daß es nicht mehr zu solchen Spekulationsblasen kommen kann. Jetzt zeigt sich jedoch, daß sich dabei alle Welt nur auf die Preisentwicklungen von Vermögenswerten wie Immobilien konzentriert hat. Wenn dagegen die Preise von Industrierohstoffen oder Nahrungsmitteln in die Höhe getrieben werden und dadurch Inflationen und Hungerrevolten ausgelöst werden, scheint kein Finanzmarktregulator einschreiten zu wollen.

 

Der Zynismus solcher Untätigkeit ist kaum mehr zu überbieten. Mögen in der Welt auch Millionen Menschen verhungern, Hauptsache, die Finanzmärkte bleiben unreguliert und die Spekulanten haben ihren Spass.