Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Schlag nach bei Shakespeare

Wie viel dürfen die Gläubiger den Griechen abverlangen, ohne selbst einer Strafe anheimzufallen?

29.5.2012 Es sind nur noch ein paar Wochen, dann jährt sich der Tag, an dem die IKB Deutsche Industriebank gerettet wurde, zum fünften Mal. Damals, Ende Juli 2007, wollten wir alle von einer Krise, einer großen gar, noch nichts wissen. Als Jochen Sanio, damaliger Chef der Bankenaufsicht BaFin, seinerzeit mahnte, es drohe die „größte Bankenkrise seit 1931“, wurde er verlacht und gescholten.

 

Viele Wendungen hat die große Finanz- und Wirtschaftskrise seither genommen. Banken wurden gerettet, faule private Schulden wurden in öffentliche umgewandelt. Deutschland und seine Wirtschaft mussten zwar bluten und bürgen, sind aber doch weitgehend unbeschadet durch die Turbulenzen gekommen. Der Konjunkturmotor brummt noch recht beeindruckend, die Arbeitslosigkeit, über viele Jahre die größte Sorge der Bürger, hat deutlich abgenommen.

 

Mit dem Wahldebakel vom 7. Mai in Griechenland droht die Krise nun allerdings in eine neue Dynamik einzutreten. Der Fortgang der Entwicklung hängt – zumindest in der Europäischen Währungsunion – nun scheinbar am Ausgang der Wahlwiederholung am 17. Juni.

 

Allen Umfragen zufolge wollen die Griechen mehrheitlich Mitglied der Euro-Zone bleiben, lehnen aber das Sparprogramm, das ihnen die internationale Gemeinschaft auferlegt hat, ab. Diese beiden Wünsche passen nicht zusammen. Wenn nun eine Regierung gewählt wird, die Griechenland in der Euro-Zone halten und die Sparvorgaben erfüllen will, verstößt sie gegen Volkes Wille. Dann droht dem Land wohl eine Krise der Demokratie.

 

Wählen die Griechen dagegen das linke Sammelbecken Syriza an die Macht, die von dem jugendlichen Politiker Alexis Tsipras angeführt wird, der die Erfüllung der Sparprogramme vehement ablehnt, dann droht Griechenland der Ausschluss aus der Europäischen Währungsunion.

 

Bevor die Welt allerdings erfährt, wie sich die Griechen entscheiden, gehen noch drei lange Wochen ins Land. Berichten zufolge befindet sich der Staatsapparat in Athen in einem Zustand der Auflösung. Bürger heben ihre Guthaben von den Banken ab, horten Bargeld. Wenn die Europäische Zentralbank nicht immer wieder aushilft, droht den Banken des Landes die Zahlungsunfähigkeit. Die Regierung jedenfalls kann die Banken kaum mehr stützen, da die Griechen auch die Bezahlung von Steuerschulden verweigern.

 

Kurzum: Hier scheint sich etwas zusammenzubrauen, was die Krise in eine neue Phase mit einer unabsehbaren Eigendynamik katapultieren könnte. Ablesbar ist dies unter anderem an der verschärften Tonlage in der Politik. Die Äußerungen der IWF-Chefin Christine Lagarde, sie habe mehr Mitleid mit Kindern in armen Ländern Afrikas als mit den Griechen („Helft euch selbst und bezahlt eure Steuern!“) wird nicht die letzte Stufe der Eskalation gewesen sein.

 

Die Auflösung dieser explosiven Gemengelage scheint der Lösung des Gordischen Knotens zu gleichen, den der kluge Alexander, der der Große genannt wird, der Legende nach einfach mit dem Schwert durchschlug.

 

Schlauer als die rohe Gewalt des Griechen Alexander erscheint da, wie Shakespeare seinen Kaufmann von Venedig in die Schranken wies. Der Geldverleiher Shylock wollte seinem Schuldner Antonio, wenn der seine Schuld nicht begleichen konnte, ein Pfund Fleisch aus den Rippen schneiden. Da stellt Antonios Anwalt klar: Shylock habe zwar Anspruch auf das Fleisch des Antonio, aber nicht auf dessen Blut. Und er droht: Vergieße Shylock beim Herausschneiden des Fleisches auch nur einen Tropfen Blut, so drohe ihm die Todesstrafe. Worauf Shylock verzichtete.

 

Da stellt sich die Frage: Wie viel dürfen die Gläubiger von den Griechen verlangen, ohne selbst einer Strafe anheimzufallen?