Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Die Gesichter der Gläubiger

In schlechten Zeiten folgen wir leicht Rattenfängern, die die schmerzlose Erlösung von allen Schulden versprechen

19.06.2012 Wenn jemand einen Kredit aufnehmen will, dann ist ihm (oder ihr) der großzügige Geldgeber hoch willkommen. Man umgarnt ihn, gibt sein Ehrenwort und unterschreibt schließlich einen Vertrag oder einen Schuldschein. Drei Monate oder drei Jahre später kann der einstige Gönner ganz schön lästig werden. Denn er tut, was Gläubiger so tun: Er verlangt Zinsen und schließlich das geliehene Kapital zurück. Wenn der Schuldner zum Zeitpunkt einer fälligen Zahlung nicht flüssig ist, gibt es Ärger.

 

So geht das nun schon seit Tausenden von Jahren. Wahrscheinlich ist tatsächlich das Kreditgewerbe das älteste der Welt – nicht das andere. Denn der Verkauf von Liebe gegen Geld setzt die Existenz von Geld voraus. Kredit wurde aber schon gegeben, bevor es Münzen gab und der Handel der Ahnen noch im Tausch Ware gegen Ware abgewickelt wurde.

 

Eine Schuld wurde damals übrigens auf dem Kerbholz vermerkt. Heute gibt es so viele Kredite in der Welt, daß wohl kein einziger Baum mehr auf Erden stehen würde, wollte man alle Schulden auf Kerbhölzern dokumentieren. Da sind Computer doch ein Fortschritt.

 

In guten Zeiten, wenn die meisten Kreditnehmer ihre Schulden bedienen, ist derjenige ein armer Wicht, der die vereinbarten Zahlungen versäumt. Er geht in Sack und Asche zur Bank, bittet um Aufschub und erfährt entweder Gnade oder die sprichwörtliche Unnachgiebigkeit des Geldverleihers.

 

In schlechten Zeiten sind die Geldverleiher in Not. Sie bangen um ihr Kapital und ringen mit eiserner Härte mit ihren Schuldnern, um zu retten, was zu retten ist. Das sind die Zeiten, in denen Gläubiger von den Schuldnern als Plage angesehen werden – und nicht nur von ihnen. Des Mitgefühls derer, die den Nächsten lieben, können sich säumige Schuldner dann leicht versichern.

 

Das ist der Moment, in dem Gläubigern gern eine hässliche Fratze verpasst wird. Im christlichen Abendland waren es in der Vergangenheit oft Juden, denen diese Fratze verpasst wurde, weil sie die einzigen waren, denen Geld- und Kreditgeschäfte erlaubt waren. Nach der letzten großen Weltwirtschaftskrise trieben es die Nationalsozialisten mit diesem Vorurteil auf die Spitze und faselten von einer jüdisch-kapitalistischen Weltverschwörung. Doch mit der Religion hat das gar nichts zu tun. Kredit und Schuld gibt es in allen Teilen der Welt, ganz gleich, an welchen Gott oder an welche Götter die Vertragspartner glauben.

 

In den Augen überschuldeter amerikanischer Hausbesitzer tragen Banker heute die hässliche Fratze des Gläubigers. Für die Griechen musste Angela Merkel als solch ein Schreckgespenst herhalten, weil sie tat, was Gläubiger tun: Mit eiserner Härte Sparsamkeit verlangen, damit die Kredite bedient werden können. Die Iren nahmen’s mit mehr Humor, als sie gerettet werden mussten. In Anlehnung an das damals noch boomende Geschäft mit Firmenübernahmen fragten die Iren: „Werden die Deutschen uns jetzt übernehmen?“ Die Antwort lautete: „So dumm werden sie nicht sein.“

 

Wir erleben gerade eher schlechten Zeiten, in denen viele große und kleine Schuldner ihre Schulden kaum mehr bedienen können und die Gläubiger – in ihrer Angst um ihr Kapital – sich besonders unnachgiebig geben. In solchen Zeiten folgen denkfaule Menschen gern Rattenfängern, die Gläubigern einen Zerrspiegel vorhalten, und ihren Jüngern die schmerzlose Erlösung von allen Schulden versprechen. Doch die schmerzlose Aufhebung von Schuldkonten ist eine Fata Morgana, reines Wunschdenken. Entweder die Schuldner zahlen unter Not und Schmerzen, oder die Gläubiger erleiden Verluste bis hin zum Bankrott. Es gibt nur den einen Ausweg: Die Schuldner zahlen, bis ihnen nicht viel mehr als das nackte Leben bleibt und die Gläubiger verzichten auf den Rest. Schmerzlos ist auch dieser Weg mitnichten.