Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Konjunktur: Schlaglöcher und Fallgruben

Den Optimismus, den die Aktienmärkte ausstrahlen, hat die Wirtschaft noch lange nicht gefunden

03.11.2009 Es gibt gute und schlechte Nachrichten aus der Wirtschaft. Die „BILD“-Zeitung macht Hoffnung darauf, dass wir die Finanz- und Wirtschaftskrise schon hinter uns hätten. Sie verweist darauf, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei weitem nicht so stark gestiegen ist wie noch im Frühjahr von Experten erwartet. Nun will BMW sogar die Kurzarbeit beenden.

 

Andererseits berichtet der „Spiegel“, ThyssenKrupp wolle 10.000 Arbeitsplatze in Deutschland abbauen. In den USA mussten in der vergangenen Woche an nur einem Tag sieben Banken gerettet werden. Am vergangenen Wochenende meldete sich der US-Mittelstandsfinanzierer CIT nach monatelanger Agonie endlich doch insolvent. Und während dort die Arbeitslosenquote in Richtung zehn Prozent steigt, fürchten die Anhänger von Präsident Obama um dessen Ansehen und machen für schlechte Nachrichten die extreme Rechte verantwortlich, die allen Initiativen des Präsidenten mit blankem Hass begegnen. Die Krise beunruhigt nicht nur, sie polarisiert auch.

 

Die Aktienmärkte haben während der vergangenen Monate darauf gewettet, dass die Therapie der Bankenrettung, Konjunkturprogramme und Abwrackprämien anschlägt und die Wirtschaft wieder in Schwung bringt. Zuletzt sind jedoch auch hier Zweifel an der Nachhaltigkeit des schuldenfinanzierten, politik-induzierten Aufschwungs gewachsen. Das Hin und Her, Auf und Ab der Kurse in der vergangenen Woche deutet jedenfalls darauf hin, dass Bullen und Bären, Optimisten und Skeptiker an den Märkten um die Vorherrschaft ringen. 140 Dax-Punkte runter, 100 Punkte rauf und wieder 180 Punkte runter an drei Tagen hintereinander bieten jedenfalls nicht das sanfte Ruhekissen, das man Privatanlegern mit längerer Anlageperspektive empfehlen könnte, um sich darauf zu betten.

 

Es stimmt schon: Die staatlichen Ausgabenprogramme haben den Abschwung erst einmal gebremst. In Deutschland haben die großzügigen Kurzarbeitregeln sogar einen drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert. Eine Krise wie die gegenwärtige legt aber immer auch offen, dass die Wirtschaft unter strukturellen Defiziten leidet. Global gesehen lässt sich diese Strukturschwäche an den Ungleichgewichten im Welthandel – Außenhandelsdefizite in den USA und -überschüsse in Ländern wie Deutschland und China – ablesen und an den Kreditblasen, die diese Ungleichgewichte auslösen. Wie die einzelnen Volkwirtschaften mit diesen Problemen umzugehen haben, liegt an der Position der jeweiligen Länder im System der Weltwirtschaft. In jedem Falle stehen wir bei der Problembewältigung hier noch ziemlich am Anfang.

 

Finanzinstitute ohne tragfähiges Geschäftsmodell wie die Landesbanken abzuschaffen, indem man sie zusammenlegt, mag dabei helfen, besonders risikoreiches Geschäftsgebaren dieser Banken zu verhindern. Wenn die deutsche Wirtschaft aber weiter hohe Exportüberschüsse aufhäufen sollte, dann wird sich das Kapital andere Wege ins Ausland suchen. Denn ein Exportüberschuss ist nun einmal notwendigerweise mit einem Kapitalexport verbunden. Und der nimmt zumeist die Form von Krediten an. Und Kredite sind, jedenfalls bei dem gegenwärtigen hohen Verschuldungsgrad der meisten infrage kommenden Schuldnern, mit Risiken behaftet.

 

Noch nicht einmal ansatzweise ist ferner geklärt, wer die amerikanischen Verbraucher in ihrer Rolle als Motor der Weltkonjunktur ablöst. China und Indien wachsen zwar, verfügen aber noch längst nicht über die Kaufkraft, die die Amerikaner bis vor kurzem besaßen. Ehe die Weltwirtschaft wieder in Schwung kommt, müssen deshalb noch viele Schlaglöcher und Fallgruben überwunden werden.