Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Schafft die Rating-Agenturen ab

Die Wächter über die Kreditwürdigkeit von Schuldnern erfüllen ihre selbstverordneten Aufgaben nicht

01.06.2010 Banken und Rating-Agenturen, soweit scheint inzwischen Einigkeit zu herrschen, waren die Auslöser der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Banken, weil sie Kredite ohne jede Risikoscheu vergeben oder ganze Bündel solcher Kredite bedenkenlos aufgekauft haben; die Rating-Agenturen, weil sie derartige Geschäfte mit besten Gütesiegeln unterstützt haben.

 

Hinsichtlich der Banken wird nun allseits beklagt, dass sie einfach weitermachen wie bisher. Mit Geld, das sie sich billigst von den Notenbanken leihen, spekulieren sie mit Aktien, Anleihen und Derivaten, was das Zeug hält. Nicht auszuschließen ist, dass sie auch gegen diejenigen Währungen wetten, von deren Notenbanken sie das notwendige Geld für ihre Wetteinsätze ausgeliehen haben.

 

Das gleiche, unbekümmerte Weitermachen ist bei den Rating-Agenturen zu beobachten. Jüngstes Beispiel ist die Herabstufung spanischer Staatsanleihen durch die Rating-Agentur Fitch am vergangenen Freitag. Diese Herabstufung zwingt nun eine Reihe von Großanlegern wie beispielsweise Pensionsfonds zu prüfen, ob das Halten von spanischen Schuldtiteln noch mit ihren Anlagegrundsätzen zu vereinbaren ist. Im Zweifel müssen sie diese verkaufen, wobei sie auf einen nur beschränkt aufnahmefähigen Markt treffen. Die Folge: Spaniens Regierung muss für neue Schulden höhere Zinsen zahlen.

 

Nun darf man die Rating-Einstufung nicht als singuläres Ereignis betrachten. Vielmehr ist sie ein Glied in einer langen Kette von Ereignissen. Das ging in etwa so:

 

Dank billiger Kredite zu Beginn des Jahrzehnts haben spanische und ausländische Anleger und Investoren in Spanien Immobilien gekauft, was das Zeug hielt. Die Baubranche boomte. Die Immobilienpreise stiegen. Spanische Banken haben den Boom mit bedenkenloser Kreditvergabe beschleunigt. Es wurden hunderttausende von Wohnungen gebaut, die am Ende niemand kaufte und in denen noch nie ein Mensch gewohnt hat. Das alles geschah natürlich mit Rückendeckung der Rating-Agenturen.

 

Nachdem die Spekulationsblase geplatzt war, musste der Staat einspringen, Banken retten und die zusammenzubrechen drohende Konjunktur ankurbeln. Der Lückenbüßer Staat musste und muss sich das benötigte Geld dafür an den Finanzmärkten leihen. Und nun sagt die Rating-Agentur Fitch, der spanische Staat sei dabei, sich zu übernehmen.

 

Das Bemerkenswerte daran ist: Fitch bemängelt die spanische Kreditwürdigkeit nicht zu dem Zeitpunkt, als der Staat sich anschickte, mit Milliardenaufwand notleidende Banken und die bedrohte Konjunktur zu retten – mithin vorsorglich, sozusagen als Warnung für die Regierung und ihre Kreditgeber. Nein Fitch stuft Spaniens Bonität zu einem Zeitpunkt herab, da Banken und Hedge Fonds bereits lauthals gegen den Schuldner Spanien spekulieren, dessen Haushaltsdefizite weltweit Schlagzeilen machen und die Regierung als Reaktion darauf mit dem denkbar härtesten Sparprogramm auf die Krise seiner Kreditwürdigkeit reagiert.

 

Die selbstverordnete Funktion der Rating-Agenturen liegt doch darin, Anlegern und Investoren einen Hinweis auf die Kreditwürdigkeit eines Schuldners zu geben. Worin liegt aber der Wert solcher Hinweise, wenn sie erst zu einem Zeitpunkt ergehen, wenn die Spatzen die schlechten Nachrichten ohnehin von allen Dächern pfeifen? Wer eigentlich braucht solche Rating-Agenturen? Etwa Verwalter von Lebensversicherungen und Pensionsfonds, die sich die Mühe eigener Recherchen darüber ersparen wollen, wo sie das Geld ihrer Kunden anlegen?

 

Solche Rating-Agenturen braucht niemand. Sie gehören schlicht abgeschafft oder bis zur Unkenntlichkeit reformiert.