Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Schafft das Planspiel Börse ab

Spiele, in denen man das Spekulieren lernt, gehören nicht in öffentliche Schulen

8.12.2009 Müsste man sich nicht vor schiefen Metaphern hüten, so könnte man feststellen: Der Klimawandel ist in aller Munde. Der Kampf der Regierungen in Kopenhagen gegen die Erderwärmung natürlich ebenfalls. Da mutet es seltsam anachronistisch an zu lesen, dass zwei Berliner Gesamtschüler im Planspiel Börse innerhalb von acht Wochen 4000 Euro Gewinn gemacht haben – fiktiv natürlich, mit Spielgeld, aber mit echten Börsenkursen.

 

Solche Spiele wurden in den 1980er Jahren populär, als der letzte, der ganz große Börsenboom begann. Man wollte jungen Menschen Wirtschaft erklären, Schüler lernen und erfahren lassen, wie Unternehmen und Börsen funktionieren. Das war lange bevor man in Deutschland das Wortungetüm „Analyst“ importierte, lange bevor es seriös anmutenden Unternehmensleitungen gelang, Kurse von Börsenschwergewichten wie Volkswagen regelrecht zu manipulieren.

 

Anachronistisch muten solche Börsenspiele an, weil es inzwischen wichtigere Fragen gibt, die die Menschen beschäftigen – zum Beispiel das menschliche Überleben auf einem Planeten, der sich immer mehr aufheizt. Anachronistisch muten solche Spiele aber auch an, wenn gleichzeitig ein Wirtschaftsforschungsinstitut wie jüngst das gewerkschaftsnahe WSI feststellt, dass die Hälfte der Deutschen überhaupt kein Vermögen besitzen, das sie in Aktien (oder in Immobilienfonds in Dubai) investieren könnten – und das nach 40 Jahren Vermögensbildungspolitik. Aktien sind ein Minderheitenproblem. Eines für dasjenige Fünftel der Bevölkerung, die mehr als 80 Prozent des Vermögens aller Deutschen besitzen. Die können es sich erlauben, mit ein wenig Kleingeld an den Börsen zu spekulieren.

 

Die Börsenlegende André Kostolany hat zwar gesagt, wer nichts besitze, sei zum Spekulieren verdammt; das gilt jedoch nur für Leute, die sich vorgenommen haben, reich zu werden ohne zu arbeiten. Zugegeben: Das Spekulieren kann man auch als Arbeit auffassen. Aber dabei werden keine volkswirtschaftlich zählbaren Werte geschaffen wie etwa bei der Herstellung von Topflappen oder Kaffeemaschinen.

 

In öffentlichen Debatten der Vergangenheit ist immer wieder über parasitäre Existenzen geklagt worden, die sich an öffentlichen Sozialkassen schadlos halten. Angesichts der realen Vermögensverteilung in Deutschland wäre es tatsächlich langsam an der Zeit, über jene parasitären Existenzen Klage zu führen, die auf Kosten anderer mit Geldgeschäften Gewinne auf sich ziehen, die andere, produzierende Arbeitnehmer erwirtschaftet haben. Das Volkseinkommen kann schließlich nur einmal verteilt werden. Bekommt einer einen größeren Anteil, bleibt für andere weniger übrig. Im Lichte der aktuellen Krisen wäre es auch an der Zeit, sich andere Bildungsinstrumente als Börsenspiele auszudenken.

 

Bei „Jugend forscht“ haben Generationen von Schülern Gelegenheit gehabt, sich an der Entwicklung der Grundlagen für einen sparsamen Umgang mit irdischen Ressourcen zu beteiligen. Unterentwickelt blieb in einem auf Wettbewerb getrimmten Benotungssystem die Vermittlung gesellschaftlicher Werte wie Solidarität. Unterentwickelt blieb auch die Entwicklung von Fähigkeiten zum Interessenausgleich und zur Ausbildung des politischen Willens, das Notwendige nicht nur zu denken, sondern auch zu tun. Wie wäre es mit einem Energiesparspiel? Wie wäre es mit einem Spiel, in dem man lernt die Chancen effektiv zu nutzen, die einem die Gesellschaft bietet? Oder wie wäre es mit einem Spiel, in dem man lernt, dass ein Kuchen nur einmal verteilt werden kann, und in dem man gleichzeitig begreift, wie man sich fühlt, wenn man das kleinste Stück (oder gar nichts) abbekommt?