Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Philosophie und Wirtschaft

In der Marktwirtschaft prallen immer wieder Wertvorstellungen und Überzeugungen mit ökonomischen Zwängen aufeinander

01.07.2013 Ende Juni fand in Köln zum ersten Mal die PhilCologne statt, ein „internationales Festival der Philisophie“. Bei diesem „Fest des Denkens“ wollten die Veranstalter deutsche und internationale Philosophen mit einem breiten Publikum in Kontakt bringen. Aus der erstaunlichen Idee wurde ein Erfolg. Die meisten Veranstaltungen waren voll besetzt. Viele Menschen suchen Orientierung in dem immer undurchdringlicher erscheinenden Dschungel der Wahlmöglichkeiten.

Philosophie spielt im Hintergrund auch in wirtschaftlichen Fragen eine bedeutende Rolle. Während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte wurde viel darüber geklagt, dass immer mehr Lebensbereiche dem Diktat der Ökonomie unterworfen wurden. Während vor Jahren die Gewerkschaften noch für Arbeitszeitverkürzung eintraten, steigerten Arbeitgeber immer mehr den Leistungsdruck auf ihre Mitarbeiter – mit dem Ergebnis, dass viele Beschäftigte länger als die vereinbarten 40 Wochenstunden tätig sind. Selbst in ihrer Freizeit müssen viele Beschäftigte für ihre Firma (oder Behörde) erreichbar sein.

 

Daraus hat sich inzwischen eine breite gesellschaftliche Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie entwickelt. Anfangs schien es so als betreffe diese Debatte allein die Frauen. Doch längst ist klar, dass dies ein gesamtgesellschaftliches Thema ist, das die Männer gleichermaßen betrifft. Es geht nicht nur darum, dass der Mann im privaten Haushalt auch mal den Staubsauger in die Hand nimmt und das Kind vom Kindergarten abholt. Die Arbeitgeber müssen ihren Mitarbeitern, Männern und Frauen, auch den zeitlichen Freiraum dafür bieten.

 

Die philosophische Frage dahinter lautet: Wie wichtig ist dem Einzelnen ein harmonisches Familienleben und ob die Opfer, die der Beruf und das eigene Karrierestreben fordern, es wert sind, zu Lasten von Partnerschaft und Kindern gebracht zu werden. Oder andersherum gefragt: Lohnt es sich, die eigenen Karrierevorstellungen etwas zurückzuschrauben, um Partnern und Kindern die Zeit und Aufmerksamkeit zu geben, die für ein gedeihliches Zusammenleben nötig sind?

 

Bei alledem geht es um Wertvorstellungen. Diese sind etwas zutiefst Privates. Deshalb kann die Philosophie darauf auch keine letztgültigen und allgemeinverbindlichen Antworten geben. Aber sie kann Fragen stellen und dem Einzelnen be- oder entstehenden Konflikten zwischen ökonomischen Zwängen und eigenen Grundüberzeugungen bewusster machen.

 

Solche Konflikte treten auch in der großen Politik auf. Darf ein Staat bzw. dessen Geheimdienste die private Kommunikation der Bürger anderer Länder belauschen bzw. ausspähen? Wie wichtig und in welchem Maße konstitutiv für eine demokratische Gesellschaft ist der unbedingte Schutz der Privatsphäre? Es geht dabei keineswegs „nur“ um die Terrorbekämpfung und die Aufgabe des Staates, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen. Es geht auch um die Tatsache, daß das belauschen und ausspähen im digitalen Zeitalter flächendeckend möglich ist. Da kann dann auch Wirtschaftsspionage zum Motiv von Abhöraktionen sein.

 

Datenschutz ist deshalb nicht umsonst zum Thema der gestern begonnen Gespräche über eine transatlantische Freihandelszone geworden. Deren Befürworter werben damit, daß der Abbau von Zöllen und anderen Handelsbarrieren wer-weiß-wie-viel Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze generieren würde. Doch Datenschutz, über den diesseits und jenseits des Atlantiks grundsätzlich unterschiedliche (Wert-)Vorstellungen bestehen, ist nicht der einzige Konfliktpunkt. Auch andere Grundüberzeugungen und kulturelle Gewohnheiten stehen auf dem Spiel. Da wird sich jede Seite genau überlegen müssen, welche der eigenen Wertvorstellungen bei diesen Gesprächen auf dem Altar der Ökonomie geopfert werden sollen.