Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Machtlose Notenbanker

Wenn alle Schulden abbauen, kann eine lockere Geldpolitik wenig ausrichten, um die kreditgetriebene Wirtschaft in Schwung zu bringen

30.08.2010Die Krisenangst kehrt zurück. Im idyllischen Urlaubsort Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming war sie am vergangenen Wochenende schon wieder spürbar. Die hochrangigen Sommergäste, die sich dort alljährlich versammeln, berieten darüber, was nun zu tun sei. Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) warnte vor einem „verlorenen Jahrzehnt“. US-Notenbankchef Ben Bernanke sorgte sich über schwache Konjunkturdaten in den USA. Und Ökonom Allen Sinai vom US-Beratungsunternehmen Decision Economics formulierte es so: „Wir müssen irgendwas anderes machen, weil das, was wir bisher getan haben, nicht funktioniert hat.“

 

Diese Feststellung, dass die bisherigen Maßnahmen nicht funktioniert hätten, bezieht sich in erster Linie auf die Notenbanken und ihre Geldpolitik. In den USA ist dies noch deutlicher ablesbar als in Europa. Die amerikanische Wirtschaft schwächelt erneut, in den USA werden wieder mehr Arbeitsplätze vernichtet als geschaffen. In Europa dagegen, besonders in Deutschland, hat eine lebhafte Auslandsnachfrage nach Autos und Maschinen die Wirtschaft schon wieder kräftig belebt. Aber auch dieser Aufschwung ist wohl nicht in erster Linie der Geldpolitik der EZB zu verdanken.

 

Was die Notenbanker umtreibt, ist die Erkenntnis, daß niedrige Notenbankzinsen allein die Wirtschaft nicht wieder auf Trab bringen. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller hat eine solche Situation einmal mit den Worten beschrieben: „Die Pferde saufen nicht“.

 

Die Pferde, das sind in diesem Falle die Banken, die sich zwar gern Milliarden Euro oder Dollar bei den Notenbanken ausleihen, diese aber nicht in Form von zinsgünstigen Krediten an die Wirtschaft weiterreichen. Denn diejenigen, die eigentlich Kredite vergeben sollen, sitzen in der Zwickmühle. An locker und leichtfertig vergebenen Krediten haben sie sich in der Krise die Finger verbrannt und riesige Verluste aufgetürmt. Teile ihres Eigenkapitals wurden dadurch vernichtet. Jetzt achten sie strenger auf die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden und schlagen bei nicht so ganz erstklassigen Kreditkunden eine deftige Risikoprämie auf die Zinsen drauf. Da werden notgedrungen auch die Kreditnehmer vorsichtiger.

 

Andererseits gilt ja gerade die Ausweitung der Kreditfinanzierung von Unternehmen und privaten Haushalten (vornehmlich in den USA) als eine der Krisenursachen, worauf EZB-Präsident Trichet in Jackson Hole klar und deutlich hingewiesen hat. Obendrein haben die Banken selbst ihre riesigen Spekulationsgeschäfte mit Krediten finanziert.

 

Daß nach solchen Kreditexzessen erst einmal Schulden zurückgefahren werden müssen, erscheint ziemlich einleuchtend. Am Anfang dieses Prozesses sind noch Regierungen eingesprungen, die mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen die Wirtschaft vor dem Absturz bewahrt haben. Doch nun sind auch die Staatsschulden ins Gerede gekommen, sollen die nationalen Haushalte konsolidiert werden.

 

Wenn nun aber Unternehmen, private Haushalte und der Staat gleichzeitig daran arbeiten, ihre Schulden zu reduzieren, liegt es nahe, daß eine lockere Geldpolitik und niedrige Kreditzinsen wenig ausrichten können, um die gebeutelten Schuldner zu vermehrter Kreditaufnahme zu bewegen.

 

Über die weitere strategische Ausrichtung ihrer jeweiligen Geldpolitik sind die Notenbanker darüber hinaus uneins. Die Amerikaner denken über weitere „unkonventionelle Maßnahmen“ nach, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Europäer raten dagegen eher dazu, Schulden abzubauen, ohne damit den Aufschwung zu bremsen. Darin spiegeln sich die unterschiedlichen Situationen wider, in denen sich Europa und die USA befinden.