Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Die "neuen Realitäten"

Die Anpassung an neue Realitäten wird der deutschen Wirtschaft möglicherwei-se schwerer fallen als anderen Ländern

Düsseldorf, 15.6.09 Unter der Überschrift „Auf dem Weg zu einer neuen Normalität“ informierte die zum Allianz-Konzern gehörige US-Rentenfondsgesellschaft Pimco über die Ergebnisse der jüngsten Konferenz ihrer Investmentexperten. Darin heißt es in dürren Worten, diese neue Normalität in der Weltwirtschaft werde durch mehr Staatseinfluss auf die Wirtschaft, einen Abbau von Krediten („De-Leveraging“) und geringere internationale Handelsaktivitäten gekennzeichnet sein.

 

Mit der Frage, was diese neue Normalität, wenn sie denn Realität wird, beispielsweise für die deutsche Wirtschaft bedeuten würde, lässt Pimco seine Kunden und Geschäftspartner allerdings allein. Dabei ist eine solche Perspektive interessant genug, um sich intensiver mit ihr zu beschäftigen.

 

Was also bedeutet mehr Staatseinfluss auf die Wirtschaft? Den ersten Schritt dazu haben die meisten Länder schon hinter sich: Die Regierungen haben Hunderte Milliarden Euro oder Dollar mobilisiert, um damit Banken und Wirtschaft wieder anzukurbeln. Dafür erwarten sie eine Gegenleistung: eine Rückkehr der Wirtschaft auf den Wachstumspfad und mehr Arbeitsplätze.

 

Bei der Suche nach diesem Wachstumspfad werden die Regierungen die Wirtschaft nicht allein lassen. Auch dieser Prozess ist bereits in Gang gekommen. Die „Buy-American“-Klausel im amerikanischen Konjunkturankurbelungsprogramm wird bereits von deutschen Unternehmen beklagt, die von Projektausschreibungen ausgeschlossen werden. Ein solcher Schutz der heimischen Wirtschaft wird wohl auch anderswo greifen, weil er ganz natürlich im Interesse der Regierungen liegt.

 

Wird verstärkt im eigenen Land gekauft, erlahmen die internationalen Handelsaktivitäten. Das trifft die exportorientierte deutsche Wirtschaft hart. Der deutschen Regierung bleibt deshalb nichts anderes übrig, als die Inlandskonjunktur anzukurbeln. Den Exportnationen China und Japan geht es ähnlich. Die chinesischen Verbraucher haben allerdings im Unterschied zu Japanern und Deutschen noch einen erheblichen Nachholbedarf beim Konsum. Deshalb stehen hier die Chancen eines Umschwungs von einer exportorientierten zur konsumorientierten Wirtschaft wesentlich besser.

 

In Deutschland, wo die Masseneinkommen (= Nettolöhne plus Sozialleistungen) fünf Jahre lang gesunken sind, wird dieser Umschwung besonders schwer fallen. Denn einer Anhebung der Löhne und Gehälter und der Sozialleistungen stehen alle weltanschaulichen Überzeugungen entgegen, an denen sich Politik und Wirtschaft während der vergangenen Jahrzehnte orientiert haben.

 

Das „De-Leveraging“, der Abbau der Abhängigkeit des Wachstums von Krediten, trifft in Deutschland vor allem Banken und Unternehmen. Deutschlands Verbraucher und Unternehmen haben zwar in der Vergangenheit nicht, wie Bundespräsident Horst Köhler meint, „über ihre Verhältnisse gelebt“. Das geht ja nur mit Kredit. Die Kreditaufnahme der Privaten ist seit dem Jahr 2000 aber nicht mehr gestiegen. Dramatisch gestiegen ist dagegen die Kreditverflechtung deutscher Banken mit ausländischen Banken.

 

Die deutschen Banken sind bereits dabei, diese Kreditverflechtung mit dem Ausland abzubauen. Das bedeutet aber nicht, dass sie nun mehr Kredite im Inland vergeben. Das trauen sie sich nicht wegen der unsicheren Aussichten ihrer potenziellen Kreditnehmer in der Krise. Lieber stocken sie ihr Eigenkapital auf, um sich gegen die Risiken der Zukunft zu wappnen.

 

Es mag schon sein, dass die aktuelle Abwärtsspirale der Wirtschaft an Schwung verloren hat. Doch wenn die Pimco-Perspektiven zutreffen, wird sich Deutschland schwer tun mit einer Rückkehr auf den Wachstumspfad.