Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Neuer Wohlstandsindikator

Das Bruttoinlandsprodukt und die Aktienkurse sind keine geeigneten Maßstäbe für den Wohlstand einer Nation

22.9.2009 Die Wirtschaftskrise hat auch ihre guten Seiten. Zwar ist das deutsche Volkseinkommen seit Beginn der Krise deutlich geschrumpft, dafür wurde das, was noch erwirtschaftet wurde, besser verteilt. Der Anteil der Arbeitnehmereinkommen ist seit dem ersten Quartal 2008 um mehr als fünf Prozentpunkte auf knapp 70 Prozent gestiegen. Dementsprechend hat der Anteil der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen von vorher 36 Prozent auf gut 30 Prozent abgenommen.

 

Die zentrale Größe für die Messung der Wirtschaftstätigkeit, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), bildet solche Veränderungen nicht ab. Sie bildet überhaupt vieles nicht ab. Sie misst einzig und allein, wie viele Güter und Dienstleistungen im Verlauf einer Untersuchungsperiode – eines Monats, Quartals oder Jahres – produziert wurden. Ob die Menschen in dem jeweiligen Land von ihren Einkommen gut oder weniger gut leben können, ob sie zufrieden sind, wie viel Umwelt bei der Produktion verbraucht wird – all das bildet das BIP nicht ab. Merkwürdiger noch: Wenn ein Erdbeben viele Häuser und andere Besitztümer zerstört hat, wird das nicht mitgezählt. Wenn aber diese Güter wieder neu hergestellt und verkauft werden, dann erscheint dies in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Wohlstandszuwachs.

 

Vielerlei Gesellschaftswissenschaftler kritisieren diese Mängel seit langem. Nun hat der französische Präsident Nikolas Sarkozy die Ergebnisse der Arbeit einer hochkarätig besetzten Kommission bekannt gegeben, die diese Mängel abstellen will. Der Bericht der Kommission, der unter anderem die Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen angehörten, empfiehlt, den Wohlstand einer Nation nicht mehr nur anhand von Produktionsziffern zu messen. Stattdessen soll unter anderem auch ermittelt werden, wie das Volkseinkommen verteilt wird, wie sich der Konsum der privaten Haushalte entwickelt, ob diese Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und der Freiheit zu politischem Engagement haben.

 

Ob und wie man all solche unterschiedlichen Faktoren in eine einzige Kennzahl zusammenkondensieren kann, ist die eine Frage. Der aus Indien stammende Harvard-Ökonom Amartya Sen hat dafür immerhin bereits ein Modell entwickelt: den Human Development Index, der von den Vereinten Nationen regelmäßig veröffentlicht wird.

 

Besonders Deutschland, das bisher so stolz auf seinen Titel als Exportweltmeister war, sollte solchen neuartigen Kennzahlen größeren Wert beimessen. Denn während der Jahre vor der Krise ist zwar das deutsche BIP kräftig gestiegen, nur kam dieses Wachstum bei den meisten Bürgern gar nicht an. Stattdessen sind die Realeinkommen der meisten Haushalte gesunken. Selbst die OECD zeigte sich schockiert bei der Feststellung, dass sich in keinem anderen Industrieland die Schere zwischen Arm und Reich so weit und so schnell wie in Deutschland geöffnet hat.

 

So ist es denn auch die OECD, die den Bericht der französischen Kommission postwendend begrüßte und dessen Empfehlungen auf ihrer nächste Tagung über „Statistik, Wissen und Politik“ diskutieren lassen will.

 

Ehe sich wichtige Industriestaaten darauf einlassen und sich auf einen gemeinsamen, neuen Wohlstandsmaßstab einigen, wird wohl noch längere Zeit dauern. Umso wichtiger ist, die Erkenntnisse und Empfehlungen der Kommission jetzt nicht einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Vielmehr sollten alle Arten von gesellschaftlichen Gruppierungen sie in ihre Arbeit aufnehmen und Druck ausüben, damit Politik und Wissenschaft die notwendige Unterstützung bei der Weiterentwicklung geeigneter Wohlstandsindikatoren erhalten. Das BIP und die Aktienkurse allein werden dieser Aufgabe jedenfalls nicht mehr gerecht.