Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Zustände wie in Griechenland

Mit der Entdeckung von Manipulationen beim Libor-Zinssatz haben die Banker auch noch den letzten Rest von Vertrauen verspielt

17.07.2012 „Statistiken sind eine feine Sache.“ Mit diesen Worten begann vor ziemlich genau drei Monaten eine Kolumne an dieser Stelle. Damals war davon die Rede, daß Statistiken uns helfen Dinge wahrzunehmen, die wir mit unseren fünf Sinnen nicht wahrzunehmen in der Lage sind; und davon daß sich Statistiken dafür einsetzen lassen, die Meinungen der Menschen zu verändern.

 

Heute muss von einem anderen Aspekt die Rede sein. Wir haben längst gelernt, daß Statistiken keineswegs immer ein Abbild der Realität sind. Statt mit statistischen Daten zu manipulieren, kann man auch gleich die Daten, die in eine Statistik eingehen, selbst manipulieren. So soll es angeblich in Griechenland zugegangen sein. Das Land wollte sich, so heißt es, mit besseren Daten den Zugang zur Euro-Zone erschleichen. Kostas Simitis, Premierminister Griechenlands von 1996 bis 2004, hat zwar inzwischen dargelegt, daß nicht seine Regierung in den für den Euro-Beitritt entscheidenden Jahren die Daten manipuliert hat; an der Krise des Landes ändert dies aber auch nichts.

 

Der Hochmut, mit der manche Leute seither über die Griechen und ihre Bürokraten herziehen, droht ihnen nun im Halse steckenzubleiben. Denn nun haben wir es in den nördlichen Teilen der Euro-Zone eine nicht weniger gravierende Manipulation von Statistiken zu tun. Die Rede ist von der Manipulation der London Interbank Offered Rate, kurz: Libor.

 

Der Libor ist ein Zinssatz für Euro-Kredite, die sich Banken untereinander gewähren. Genauer: ein Durchschnittszinssatz. Banken mit Sitz in London melden der zuständigen Behörde den vereinbarten Zinssatz für Kredite an andere Banken; die behördlichen Statistiker ermitteln aus den Meldungen den Durchschnittszinssatz, den Libor.

 

Das hört sich alles ziemlich technisch an, hat aber große wirtschaftliche Bedeutung. Denn auf dem Stand und der Entwicklung des Libor gründen viele wirtschaftliche Entscheidungen. Da werden Kreditverträge, beispielsweise Anleihe-Emissionen, beschlossen, deren Zinssätze auf dem Libor beruhen. Da werden Zertifikate konstruiert und an ahnungslose Privatanleger verhökert, deren Rendite sich am Libor orientiert. Der Libor – zusammen mit anderen Durchschnittszinssätzen wie dem Euribor – beeinflussen schließlich die Entwicklung der Aktienkurse.

 

Und diesen wichtigen Zinssatz, so hat sich nun herausgestellt, haben Banken manipuliert. Sie haben den Behörden für Kredite, die sie sich untereinander gewährt haben, andere als die tatsächlich vereinbarten Zinssätze gemeldet. Und das schon seit Jahren.

 

Der Vorstandsvorsitzende der Barclay’s Bank musste deswegen schon seinen Hut nehmen. Die Deutsche Bank steht deswegen unter Anklage. Weitere Banken müssen an den Falschmeldungen mitgewirkt haben, sonst wäre die Manipulation wirkungslos – und damit sinnlos – gewesen.

 

Fassen wir die Geschehnisse im Finanzsektor der vergangenen Jahre einmal zusammen: Da wurden in den USA und anderswo (beispielsweise in Spanien) Kredite an Leute vergeben, die diese niemals hätten zurückzahlen können, und die Kreditgeber müssen sich dessen bewusst gewesen sein; diese Kredite wurden in hübschen Bündeln verpackt, mit Top-Rating-Noten versehen und an andere Investoren, die die in diesen Bündeln versteckten Risiken nicht verstanden, verhökert, worauf die Käufer hohe Verluste erlitten; viele Banken haben dieses Desaster nur überlebt, weil sie mit Steuergeldern und Liquiditätsspritzen der Notenbanken mehrfach gerettet wurden; ihren Kunden verkaufen sie schon seit Jahren Produkte, die diese weder verstehen noch brauchen; nun kommt heraus, daß die Banker auch noch Zinssätze manipulieren…

 

Was denken sich die Banker eigentlich, wann ihnen je wieder jemand ein Wort glaubt?