Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Zinssparer sind - mal wieder - die Dummen

Die jüngste Leitzinssenkung der EZB könnte Spannungen in der Eurozone womöglich noch verschärfen

06.05.2013 Die Zinsen am Boden, der Dax auf Rekordniveau. So kann man die aktuelle Lage an den Finanzmärkten lakonisch zusammenfassen. Konsumenten, die gern auf Pump kaufen, und Immobilienkäufer können frohlocken, brave Banksparer dagegen wissen nicht mehr, wo sie mit ihren Anlagen wenigstens einen Inflationsausgleich finden. Börsianer und andere Aktienanleger finden sich im Glück.

 

Da mag die Frühlingssonne noch so hell auf Deutschland scheinen – selbst mit Sonnenbrille erkennt der aufmerksame Beobachter, dass all dies immer noch ein Ausdruck krisenhafter Zustände ist. Auch wenn man das Wort Krise nicht mehr schreiben, lesen oder hören mag – fast sieben Jahre nach der Beinahe-Pleite der IKB Deutsche Industriebank.

 

Der Grund für die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) ist klar: Die Eurozone befindet sich in einer Rezession, die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordniveau gestiegen. Die Finanzminister steuern nicht mit zusätzlichen Ausgaben gegen die Nachfrageschwäche an; im Gegenteil: sie versuchen mit Ausgabenkürzungen die Staatsdefizite zu senken und verschlimmern die Misere damit noch. Da ist es ein Glück, daß es da mit der EZB noch eine andere machtvolle Institution gibt, die der Wirtschaft unter die Arme greifen kann.

 

Das gilt allerdings vor allem in der Theorie. In den Modellen der Ökonomen steigt die Nachfrage nach Krediten, wenn der Zins sinkt. In etlichen Ländern der Eurozone sind aber schon die Leitzinssenkungen der vergangenen Monate und Jahre gar nicht bei den Kreditnehmern angekommen. Ein Unternehmer in Tirol (Österreich) muss für einen Investitionskredit ungleich weniger an Kreditzinsen aufbringen als sein Konkurrent in Südtirol (Italien), obwohl so etwas in einer Währungsunion theoretisch gar nicht vorgesehen ist.

 

Das ist nicht nur ärgerlich, sondern in der Europäischen Währungsunion, so wie sie beschaffen ist, auch noch gefährlich. Denn mit den Zinsdifferenzen zwischen den noch einigermaßen florierenden Nordländern und den von der Schuldenkrise geplagten Südländern verschärfen sich auch noch die Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit der jeweiligen Lager: Wenn ein Autozulieferer beispielsweise in Spanien höhere Zinsen für einen Investitionskredit bezahlen muss als sein etwa in Deutschland, dann ist ersterer benachteiligt.

 

Und gerade die Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit waren es doch, die mit zu den Auslösern der aktuellen Schuldenkrise geführt haben. Weil die weniger wettbewerbsfähigen Länder das Geld für ihre Importe nicht gänzlich durch eigene Exporte verdienten, mussten sie es sich von Exportnationen wie etwa Deutschland leihen. So häuften sich über die Jahre enorme private und öffentliche Schulden an.

 

Die EZB-Leitzinssenkung mag den Kreditnehmern in den Südländern ein wenig die Zinslast erleichtern, sofern die Banken sie an ihre Kunden weiterreichen. Ob dadurch auch die Zinsdifferenzen kleiner werden, bleibt abzuwarten. Für Länder wie Deutschland, das noch immer hohe Exportüberschüsse erwirtschaftet, passt die EZB-Leitzinssenkung dagegen überhaupt nicht in die konjunkturelle Landschaft. Noch billigere Kredite werden hier vermutlich eher dafür genutzt, die Nachfrage nach Immobilien und anderen Kapitalanlagen noch weiter in die Höhe zu treiben. Wenn Bundesanleihen nichts mehr bringen, weicht man eben in Aktien oder Eigentumswohnungen aus. Ob man die Preissteigerungen, die daraus resultieren, als „Blase“ bezeichnet, ist Geschmacksache.

 

Sicher ist nur: Der gemeine Zinssparer ist der Dumme, und Mieter müssen über kurz oder lang wegen steigender Immobilienpreise mit höheren Mieten rechnen.