Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Volkswagen: Die zweite Privatisierung

Im Zuge des Porsche/VW-Übernahmekampfes wurden Börse und Aktienkultur in Deutschland nachhaltig beschädigt

17.8.2009 Als die Volkswagen AG im Jahr 1960 an die Börse gebracht wurde, da wollte die Bundesregierung etwas ganz neues kreieren: die Volksaktie. Die Bürger sollten Miteigentümer eines Unternehmens werden, dessen Produkt, den Käfer, sie liebten. Mit dieser Privatisierung verbunden war das Versprechen, die neuen Volksaktionäre am steigenden Wert des Produktivkapitals zu beteiligen.

 

Knapp 50 Jahre später hat der Begriff Privatisierung eine ganz andere Bedeutung bekommen. Dem Staat in Gestalt des Landes Niedersachsen gehören nur noch 20 Prozent der Stammaktien, die einstigen Volksaktionären sind in eine noch kleinere Minderheit zusammengeschmolzen. Sie besitzen künftig nur noch 18 Prozent der Aktien. Und wie viel „Volk“ noch zu dieser Minderheit zählt, ist ungewiss. Der größere Teil der Anteile, von denen es heißt, sie befänden sich in „Streubesitz“, dürfte wohl in den Tresoren von Banken, Versicherungen und Fonds liegen. Der größte Anteil an diesem „Volksunternehmen“ liegt nun in Händen einer Familie.

 

Wie es dazu kommen konnte, ist ein Lehrstück über den Zustand der deutschen Gesellschaft, in der Arm und Reich sich immer weiter auseinanderdividieren und in separate Parallel-Universen zurückziehen. Es ist aber auch ein Lehrstück über den Zustand der Finanzmärkte, von denen es einmal hieß, sie seien (fast) perfekte Märkte, an denen sich aufgrund von Angebot und Nachfrage bei umfassender Verfügbarkeit gleicher Informationen echte Marktpreise bilden.

 

Tatsächlich konnte sich eine Unternehmerfamilie dieser Finanzmärkte mit Tricks und klugen Schachzügen bedienen, um die Mehrheit der Aktien an der Volkswagen AG zu erlangen. Dass sie sich dabei zwischenzeitlich finanziell verhoben hat, weil die Banken ihnen das dafür notwendige Kapital nicht mehr zur Verfügung stellen konnten oder wollten, entpuppt sich im Nachhinein nur mehr wie ein läppischer Fehltritt. Was zählt ist die Tatsache, dass diese Familie Porsche-Piëch letzten Endes doch zum größten Eigentümer der Volkswagen AG geworden ist, zu dem nun auch noch ihr einstiger Besitz, die Porsche AG, gehört.

 

Eines dieser Instrumente, deren sich die Porsches bedienten, war eine schlichte Wette. Solche Wetten verstecken sich hinter so kompliziert klingenden Begriffen wie „cash-gesettelten Optionen“. Die Porsches haben darauf gewettet, dass der Kurs der VW-Aktien steigt, wobei sie selbst als erklärter Aufkäufer der VW-Aktien den Kurs massiv beeinflussten. Auf dem Höhepunkt dieser Manipulation wurde der Kurs bis auf aberwitzige 1005 Euro katapultiert – und die Porsche AG als ausführendes Organ der Familie konnte einen Milliardengewinn einstreichen.

 

Viele andere Spekulanten hetzten diesen Schachzügen hinterher und hatten letztlich doch das Nachsehen. Als am vergangenen Freitag bekannt gegeben wurde, dass der Grundlagenvertrag für die Neuordnung des Konzerns VW-Porsche steht, kehrten sie entmutigt ihre Bestände an Volkswagen-Aktien aus. Deren Kurs fiel binnen weniger Stunden um mehr als 25 Prozent auf den Tiefpunkt von 166 Euro.

Auf dem Wege dahin wurde die Integrität der Börse und das Vertrauen des breiten Publikums in die Effektivität von Märkten beschädigt. Und war da nicht noch etwas? Richtig, Lustreisen des Betriebsrats auf Kosten der Firma, deren damaliger Chef Ferdinand Piëch angeblich von nichts wusste. Jetzt stellt sich heraus: Niemand weiß mehr über das Unternehmen VW/Porsche als ebendieser Herr.

 

Wie soll sich Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts und beredter Förderer der Aktienkultur in Deutschland, von diesem Tiefschlag bloß wieder erholen?