Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Was Anleger aus der Krise lernen können

Wer hohe Renditen fordert, der muss auch sagen, wie diese erwirtschaftet werden sollen

15.9.2009 Wenn dieser Tage vor dem G20-Gipfeltreffen in Pittsburgh von der Wirtschaftskrise und den Banken die Rede ist, wird oft der Vorwurf laut, die Banken hätten aus der Krise bislang nichts gelernt. Sie würden einfach so weitermachen wie bisher. Ungeachtet des Wahrheitsgehalts dieser These drängt sich in diesem Zusammenhang aber auch eine andere Frage auf: Was haben die Geldanleger eigentlich aus der Krise gelernt?

 

Wer über diese Frage nachdenkt, wird erst einmal selektieren müssen. Wer ist das eigentlich: der Geldanleger? Da sind zum Beispiel Institutionen wie Landesbanken, die geglaubt haben, mit Krediten, die andere Banken in den USA an Immobilienkäufer vergeben haben, oder mit Derivaten davon gutes Geld verdienen zu können. Man mag den Landesbankern manche Nachlässigkeiten vorwerfen, aber sicherlich nicht, dass sie nicht entsprechende Lehren aus dem Debakel gezogen haben.

 

Neben vielen anderen Investorengruppen stellt sich die Frage nach den Lehren aus der Krise auch für den gemeinen Privatanleger. Viele leidgeprüfte Sparer haben sicherlich gelernt, dass es gar keine gute Idee war, in Wertpapiere wie beispielsweise Zertifikate zu investieren, deren Komplexität und deren Risiken sie nicht vollständig verstanden und durchschaut haben. Diese Erkenntnis teilen Anleger von Zertifikaten von Lehman Brothers mit den Landesbankern.

 

Und wie steht es mit Aktienanlegern, die mit Geduld und ein wenig Glück einen Teil ihrer Verluste aus dem Krisen-Crash schon wieder hereingeholt haben? Wenn richtig ist, was oft zu lesen ist, dass mit der Krise die ganze Weltanschauung des Neoliberalismus ihre Glaubwürdigkeit verloren hat, kann dann der Glaube an die Wohltätigkeit der (Finanz-)Märkte noch weiter aufrecht erhalten werden?

 

Diese Wohltätigkeit besteht der Theorie nach darin, dass Kapital, das ohne Schranken und Behinderungen von hier nach dort wandern kann, stets am effizientesten eingesetzt wird und damit auch die höchsten Renditen abwirft. Der Drang nach höherer Rendite war demnach gut.

 

Was dieser Drang nach höherer Rendite anrichten kann, konnte man in der Ära des Shareholder Value besichtigen. Managern, die vormals ihre Kunden zufrieden stellen und ihren Mitarbeitern ein auskömmliches Leben ermöglichen wollten, wurden Leistungs-Boni wie Eseln Möhren vor die Nasen gebunden, damit sie nur noch die Interessen ihrer Aktionäre verfolgten. Weil Produktinnovationen für die ehrgeizigen Ziele besonders renditehungriger Aktionäre oft nicht ausreichten, wurden immer mehr irreparable Wegwerfprodukte geschaffen, Stellen in Hochlohnländern durch solche in Niedriglohnländern ersetzt und in ersteren die Arbeitsbedingungen verschlechtert, um Personalkosten einzusparen.

 

Im Finanzsektor wurden mit diesem Hintergrund unter anderem Kredite vergeben, die den kreditgebenden Bankern selbst so riskant erschienen, dass sie sie lieber an andere Investoren verkauften. Man erfand dafür den feinen Ausdruck „Verbriefung“.

 

Auf Seiten der Anleger konnte dies zu der merkwürdigen Situation führen, dass beispielsweise ein Gewerkschafter, der tagsüber für Arbeitnehmerrechte und den Erhalt von Arbeitsplätzen ficht, abends am PC die Wertentwicklung seines Aktienfonds kontrolliert, dessen Manager auf der Hauptversammlung des eigenen Unternehmens vom Management Kosteneinsparungen und mehr Rendite verlangt.

 

Fazit: Wer 25 Prozent Eigenkapitalrendite verlangt oder für ein erstrebenswertes Ziel hält, der muss auch sagen, unter welchen Bedingungen und mit welcher Art von Geschäften dies erreicht werden soll. Möglicherweise sehen dann einige Anleger mit sozialem Gewissen und ökologischem Bewusstsein davon ab, ihr Geld ausgerechnet in so ein Unternehmen zu investieren.