Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
Wolfgang Köhler Redaktionsbüro

Der Zorn zeigt Wirkung

Doch nicht alles, was die Banken neuerdings als „Kulturwandel“ verkaufen, beruht tatsächlich auf einem Gesinnungswandel

18.09.2012 Erst wenige Wochen ist es her, da gaben namhafte Unternehmer, Manager und Verbandschefs ihren Unmut über das Geschäftsgebaren von Banken zu Protokoll. Die jüngsten Skandale um Zinsmanipulationen und Geldwäschevorwürfe hatten den Beobachtern und Kunden der Geldbranche den Rest von Vertrauen genommen, der nach fünf Jahren Bankenkrise noch übrig war.

 

Nun gelobt der deutsche Branchenprimus Besserung. Die neuen Chefs, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, haben einen Kulturwandel ausgerufen. Sie fordern ihren Mitarbeitern die Einsicht ab, daß nicht alles, was legal ist, auch legitim sei. Sie schrauben die Renditeziele der Bank herunter und stellen den Werbeslogan „Leistung aus Leidenschaft“ auf den Prüfstand. Außerdem wollen sie die Gehaltsexzesse abstellen, indem sie die Boni, die die Deutsche Bank ihren Top-Mitarbeitern bezahlt, nach oben hin begrenzen. Lauter hehre Absichten.

 

Der Zorn der Kunden zeigt offenbar Wirkung, seit nicht mehr nur Kleinsparer gegen Verluste aus Lehman-Zertifikaten demonstrieren oder Stadtkämmerer gegen Verluste aus Zinswetten oder anderen dubiosen Anlage-Papieren klagen. Wenn selbst die Wirtschaftselite die Finanzdienstleister an den Pranger stellt, müssen die Banken handeln.

 

Das Auffällige an dem plötzlichen Gesinnungswandel ist nur, daß er in vielen Ländern gleichzeitig und mit fast identischem Vokabular eingeläutet worden ist. So erklärte beispielsweise Sir David Walker, Chairman der in den Libor-Skandal verwickelten Barclays Bank, vor britischen Unterhausabgeordneten, Banken müssten ihre Reputation über ihre Profite stellen, wenn die Branche ihre Probleme in den Griff bekommen wolle: Ein Wandel der Bankenkultur sei möglich und sollte „schnell umgesetzt“ werden. Er, sagte Walker, würde als erstes bei den Vergütungsstrukturen und ungeeigneten Incentives ansetzen.

 

Auch bei anderen Großbanken ist plötzlich von einem Kulturwandel die Rede. Diese plötzliche Häufung von Einsichten, denen sich viele Spitzenbanker jahrelang und trotz vieler Krisen und Skandale stur verweigert haben, nährt nun den Verdacht, daß es sich doch nicht um einen echten Gesinnungswandel handelt, sondern um eine verabredete PR-Aktion.

 

Es wäre nicht die erste. Man erinnere sich nur an die ersten Reaktionen des internationalen Bankenverbandes IIF auf die neuen Regulierungsvorschlage („Basel III“) aus dem Hause der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Damals erklärte der IIF, um genau wie viele Prozentpunkte das Wirtschaftswachstum nachlassen würde, wenn die Politik den Banken ein höheres Eigenkapital vorschreiben würde. Dieser Unsinn geistert bis heute durch viele Köpfe.

 

Für eine Deckelung der Bonus-Exzesse in der Finanzwelt gibt es gute Gründe. Überhöhte Bonus-Versprechen haben beispielsweise Leute in die Finanzbranche gelockt, die zu anderen Zeiten dort keine Chance auf einen Aufstieg gehabt hätten und die tatsächlich besser anderswo ihr Unwesen getrieben hätten.

 

Doch das ist wohl nicht der eigentliche Grund dafür, dass gestandene Deutsch-Banker wie Fitschen und Jain jetzt ihr Bonus-System überprüfen wollen. Profitiert haben davon ja in erster Linie Mitarbeiter und Manager im Investmentbanking. Doch gerade in diesem Bereich häufen sich nun schon seit Monaten die Meldungen über hundert- oder tausendfache Entlassungen. Anders gesagt: Tüchtige Investmentbanker gibt es an den Finanzzentren wie Sand am Meer. Man muss sie nicht mehr mit Versprechen von mehrstelligen Millionen-Boni von anderen Instituten abwerben. Die Banken-Chefs haben hier deshalb wohl eher ein Einsparpotenzial entdeckt. Die Tatsache, daß die Entlohnungs-Exzesse in der Finanzbranche seit langem Gegenstand vielfältiger Kritik sind, kommt ihnen da nur entgegen.

 

Für einen echten „Kulturwandel“ bedarf es anderer Beweise.