Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Kein Ende der Krise in Sicht

Verbrauchern und Unternehmen mangelt es schlicht an Geld, um ihre Ausgaben wachstumswirksam zu steigern

06.10.2009 In normalen Zeiten gibt es spannendere Lektüre als Bank- und Kreditstatistiken. Dieser Tage aber, da die Finanz- und Wirtschaftskrise die Welt immer noch fest im Griff hat, ermöglichen die von den Notenbanken veröffentlichten Zahlensammlungen tiefe Einblicke in den Stand der Dinge. Mögen unerschütterliche Optimisten auch die Krise – oder doch wenigstens die Rezession – für beendet erklären; die Bankdaten zeichnen ein differenzierteres Bild.

 

Nehmen wir zum Beispiel die Daten der Europäischen Zentralbank. Danach bekommen die privaten Haushalte in der Eurozone in letzter Zeit immer weniger Kredit. Bis zum Frühjahr 2009 war das Volumen der herausgelegten Kredite noch gestiegen. Dann kam in mehreren Ländern die Abwrackprämie für Altautos. Viele Käufer von Neuwagen dürften  diese Anschaffung mit einem Kredit finanziert haben. Dennoch sind die Ausleihungen der Banken an private Haushalte im Sommer im Vorjahresvergleich geschrumpft. Es wurden weniger Wohnungs- und Hauskäufe finanziert und weniger andere Anschaffungen. Und in den Zahlen sind die Kredite der Banken in Großbritannien, wo im Zuge der Krise die größte europäische Immobilienblase geplatzt ist, noch nicht einmal enthalten.

 

Und nun ist – zumindest in Deutschland – auch noch die Abwrackprämie ausgelaufen. Erste Zahlen deuten bereits daraufhin, dass die Bestellungen von Neuwagen im September abrupt eingebrochen sind. Da dürfte auch das Volumen der Privatkredite der Banken bald noch deutlicher nach unten weisen. Den Verbrauchern mangelt es dann an Geld, um der Konjunktur auf die Sprünge zu helfen.

 

Auch das Wachstum der Unternehmenskredite tendiert in der Eurozone gegen Null. Anfang 2008 wies das Volumen der Bankkredite an Unternehmen noch  jährliche Wachstumsraten von über 14 Prozent aus. Im Juli und August 2009 war das Wachstum auf unter ein Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat geschrumpft.

 

In dieser Situation werden nun die Regierungen mit ihren neuen Regulierungsanforderungen konkret. Sie laufen unter anderem darauf hinaus, dass die Banken generell mehr Eigenkapital bilden sollen. Genauer: Kredite sollen mit mehr Eigenkapital unterlegt werden, damit die Banken nicht gleich bei der ersten Häufung konjunkturbedingter Kreditausfälle wieder ins Wanken geraten.

 

Derlei Anforderungen sind durchaus zu begrüßen, da sie das Finanzsystem insgesamt stabiler machen. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass Banken mit geringem Eigenkapitalpolster nach den neuen Vorschriften kaum in der Lage sind, mehr Kredite zu vergeben. Etliche Banken haben zwar ihr Eigenkapital bereits durch rückgestellte Gewinne oder Kapitalerhöhungen aufgestockt; andere aber kämpfen weiter mit hohen Verlusten, die das Eigenkapital postwendend wieder aufzehren.

 

Für die weitere Konjunkturentwicklung hat all dies erhebliche Konsequenzen. Mag sein, dass die Wirtschaft im zweiten und im dritten Quartal 2009 nicht weiter geschrumpft ist. Für ein beschleunigtes Wachstum fehlt es aber Unternehmen und privaten Verbrauchern schlicht an Geld für erhöhten Verbrauch und neue Investitionen. Zum einen mangelt es ihnen an Kredit; zum anderen schrumpfen die Einkommen der Verbraucher wegen Kurzarbeit und absehbar steigender Arbeitslosigkeit und die Umsätze und Gewinne der Unternehmen wegen nach wie vor geringer Exporte. Aus eigenen Mitteln können Verbraucher und Unternehmen ihre Ausgaben mithin auch kaum steigern.

 

Mag sein, dass die Rezession in den Sommermonaten eine Pause eingelegt hat. Eine Ende der Krise ist damit noch nicht in Sicht.