Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Träges Korruptions-Bewusstsein

Die Definition dessen, was korrupt ist, wird immer präziser. Die öffentliche Meinung hinkt da oft hinterher

08.02.2011 Die gute alte Brockhaus Enzyklopädie von 1970 widmet dem Thema Korruption ganze sieben Zeilen. „Korruption [von lat. corrumpere >verderben, bestechen<] die“, heißt es dort ziemlich wolkig, „seit dem 17. Jahrh. Bezeichnung für Sittenverfall, Bestechlichkeit, häufig angewandt auf Amtsträger eines Staates. K. trifft man meist an als Folge der unzureichenden wirtschaftlichen Versorgung, gelegentlich auch der Politisierung des Beamtentums."

 

Viel präziser definiert das Internet-Lexikon Wikipedia den Tatbestand: Im juristischen Sinn bestehe Korruption im „Missbrauch einer Vertrauensstellung in einer Funktion in Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Politik […], um einen materiellen oder immateriellen Vorteil zu erlangen, auf den kein rechtlich begründeter Anspruch besteht.“ Und weiter heißt es dort: „Der Politikwissenschaftler Harrold Dwight Lasswell definierte Korruption als die Verletzung eines allgemeinen Interesses zu Gunsten eines speziellen Vorteils.“

 

Auch der mit dem Thema nicht so vertraute Leser erkennt leicht, daß das Verständnis dessen, was sich hinter dem Wort Korruption verbirgt, in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht hat. Doch auch wenn die Definitionen präziser geworden sind, so zeigt sich das allgemeine öffentliche Bewusstsein als träge. Manches, was der Wikipedia-Definition entspricht, wird nicht als Korruption erkannt.

 

Nehmen wir als Beispiel die Manager-Boni. Aufgekommen ist diese Form der „leistungsabhängigen Entlohnung“ – ein ziemlich euphemistischer Ausdruck – mit der Shareholder-Value-Idee. In den späten 1980er Jahren erklärten vor allem große Pensionsfonds das Aktionärsinteresse zu einem Interesse höherer Bedeutung und forderten seither vom Management der Unternehmen, in deren Aktien sie investiert hatten, eine strikt aktionärsfreundliche Unternehmenspolitik.

 

Die Verfechter des Shareholder Value stießen damit zunächst auf Widerstand in Gestalt von Managern, die darauf bestanden, dass sie in ihrer Funktion als Unternehmensleiter auch andere Interessen zu beachten hätten, die von Kunden beispielsweise oder von Mitarbeitern oder allgemeine, gesamtgesellschaftliche Interessen.

 

Mit reiner Propaganda kamen die Shareholder-Value-Apostel bei der Durchsetzung ihrer Idee nicht sehr weit. Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, erfanden sie ein wirksames Druckmittel: die Belohnung des Unternehmensmanagements für eine aktionärsfreundliche Unternehmenspolitik. Zum Maßstab für die Höhe dieser Belohnung wurde – kaum überraschend – die Entwicklung des Aktienkurses gewählt. Später wurde in vielen Unternehmen die Messlatte für gute Manager-Leistung und -Entlohnung variiert, aber doch so, daß das Aktionärsinteresse an hohen Gewinnen und steigenden Aktienkursen weiterhin erste Priorität behielt.

 

Seither gelten die Interessen von Kunden, Mitarbeitern und der Gesellschaft in großen, börsennotierten Unternehmen nicht mehr viel. Das Aktionärsinteresse überstrahlt alles. Es wurde mit Hilfe von Bonus-Versprechen mit dem Eigeninteresse der Manager verschmolzen und vertraglich fixiert. Viele derjenigen Manager, die erstmals mit der Shareholder-Value-Idee konfrontiert wurden und sich anfangs noch dagegen verwahrten, ließen sich ihre Überzeugungen abkaufen. Ihren Nachfolgern kam gar nicht mehr der Gedanke, daß die einseitige Verfolgung der Aktionärsinteressen zulasten der Interessen anderer gesellschaftlicher Gruppen, und dies aus eigensüchtigen Motiven wegen der ausgelobten Bonus-Zahlungen, den Tatbestand der Korruption erfüllen könnte. Dem deutschen Gesetzgeber ist das bis heute nicht aufgefallen.