Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Der Fluch der guten Taten

Mit jeder Rettungsaktion wächst die Neigung von Investoren, hohe Risiken einzugehen – zahlen müssen andere

16.11.2010 Jetzt ist also Irland dran. Die Rendite irischer Staatsanleihen ist während der vergangenen Woche dramatisch auf ein Niveau gestiegen, das dem griechischer Staatsanleihen im Frühjahr kurz vor der europäischen Rettungsaktion nahekommt. In den europäischen Hauptstädten wird fieberhaft hinter verschlossenen Türen geredet, nach außen dringen allenfalls butterweiche Erklärungen, Dementis oder schlichtes Schweigen. Ob es zu einer Rettungsaktion kommt, weiß derzeit niemand mit Bestimmtheit zu sagen

 

Anders als Griechenland ist Irland nicht wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft in Finanznöte geraten. Deutschland beispielsweise, das gelegentlich als Niedriglohnland bezeichnet worden ist und die meisten anderen Euroländern mit seinen Exportwaren überflutet, kauft in Irland seit Jahr und Tag mehr Güter und Dienstleistungen ein als es auf die grüne Insel exportiert. Mit niedrigen Löhnen und niedrigen Steuern hat Irland vielmehr eine schlagkräftige Wirtschaft aufgebaut.

 

Entstanden ist in den guten Zeiten aber auch ein umfänglicher Finanzsektor, der in der Krise besonders gelitten hat. Irlands Banken haben ein großes Rad gedreht und sich dabei verspekuliert. Obendrein durchlebte das Land zuletzt eine tiefe Krise des Gewerbeimmobilienmarktes, die die Banken zu zusätzlichen Abschreibungen nötigte. Und nun sinken auch noch die Preise für Wohnimmobilien, durch die die Banken erneut zur Ader gelassen werden.

 

Die notwendigen Rettungsaktionen kamen und kommen das Land teuer zu stehen. Das Haushaltsdefizit der Regierung summiert sich in diesem Jahr auf mehr als 30 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung – das Zehnfache dessen, was nach dem Euro-Stabilitätspakt erlaubt ist. Ob ein weiteres Sparpaket in den kommenden Wochen die Zustimmung des Parlaments erhält, in dem die Regierungspartei nur eine hauchdünne Mehrheit besitzt, steht in den Sternen.

 

Irlands Premierminister Brian Cowen gab kürzlich der deutschen Bundesregierung eine Mitschuld an der Finanzkrise seines Landes. Demnach hätten die von Berlin forcierten EU-Pläne, bei künftigen Rettungsaktionen hochverschuldeter Euroländer neben den Steuerzahlern auch die privaten Gläubiger zu Kasse zu bitten, die privaten Investoren verschreckt.

 

Was in dieser Schuldzuweisung – ob sie berechtigt ist oder nicht – mitschwingt, das zeigt, wie sehr sich die Erwartungen der Finanzmärkte in dieser Krise bereits verändert haben. Viele Banken wurden in der Krise gerettet. Niemand hat davon mehr profitiert als deren Gläubiger und Anteilseigner. Da sich die Verluste und Schulden notleidender Banken nun in Staatsschulden verwandelt haben, scheinen die Gläubiger der Regierungen zu glauben, nun schon ein Recht darauf zu haben, gleichfalls schadlos gehalten zu werden. Wie sollte es sonst zu der vom irischen Premierminister so dargestellten Schreckreaktion der Investoren gekommen sein?

 

Tatsächlich hat sich die Lage an den Rentenmärkten am vergangenen Wochenende etwas entspannt, nachdem etliche europäische Regierungschefs beim G-20-Gipfel in Seoul eine Vertrauenserklärung für Irland, Portugal und den Euro-Rettungsmechanismus abgegeben und hinzugefügt haben, die Beschlüsse über den künftigen Euro-Rettungsfonds würden erst ab 2013 gelten und beträfen keine derzeitigen Gläubiger irischer Staatsanleihen. Mit anderen Worten: Private Gläubiger hätten bei einer baldigen Rettungsaktion für Irland nichts zu fürchten?

 

Moral hazard“ oder die Neigung von Investoren, hohe Risiken einzugehen ohne im Fall einer Pleite ihrer Schuldner zur Kasse gebeten zu werden, wird durch solche Erklärungen nur noch gesteigert.