Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Pflege als Investmentobjekt

Wenn Finanzinvestoren in Gesundheits- und Pflegedienstleister investieren, läuft deren Privatisierung aus dem Ruder

20.09.2010 Die Pflege kranker, gebrechlicher oder dementer Menschen ist eine im besten Sinne „gemeinnützige“ Tätigkeit. Der überwiegende Teil dieser Aufgabe wird innerhalb von Familien bewältigt, oft unterstützt durch ambulante Pflegedienste. Wo Familien und Freunde nicht helfen können oder überfordert sind, lässt sich die Aufnahme der Betroffenen in ein Pflegeheim nicht vermeiden.

Viele Einrichtungen der ambulanten oder stationären Pflege werden tatsächlich auch von – im rechtlichen Sinne – gemeinnützigen Trägern betrieben: Rotes Kreuz, Caritas, Diakonie, Johanniter, Arbeiter-Samariter-Bund, um nur einige zu nennen. Private Dienstleister und Einrichtungen runden das Angebot ab.

 

Pflege ist aufwändig, Geld ist knapp. Alle Dienstleister in diesem Bereich müssen sich um Effizienz bemühen. Einigen gelingt dies besser, anderen weniger gut. An der Qualität der Pflegedienstleistungen wird noch gearbeitet. Vor diesem Hintergrund muss nun die Nachricht nachdenklich stimmen, daß einer der größten privaten deutschen Pflegedienstleister, die GHD Gesundheits GmbH Deutschland mit Sitz in Ahrensburg bei Hamburg, mehrheitlich von einem Finanzinvestor übernommen worden ist.

 

GHD gilt als größter deutscher Anbieter in der ambulanten Pflegenachsorge. Diese Pflegenachsorge ist während der vergangenen Jahre, in denen die Dauer der stationären Versorgung kranker Patienten immer weiter verkürzt wurde, um die Krankenkassenbudgets zu entlasten, immer notwendiger geworden. Jetzt nimmt sich dieser Aufgabe die IK Investment Partners an, die nach Barclays Private Equity bereits der zweite Finanzinvestor ist, der sich an GHD beteiligt. Welchen Stellenwert die Aufgabe, kranke Menschen zu pflegen, in der Geschäftsstrategie von IK Investment Partners hat, lässt sich auf der Internet-Seite des Unternehmens nachlesen. Dort heißt es: „Wir suchen nach Unternehmen mit dem Potenzial, eine führende Position in ihrer Branche zu erreichen…Die Unternehmen, in die wir investieren, sollten die Grundvoraussetzungen für substanzielle Gewinnsteigerungen besitzen.“ Das Wort „Pflege“ kommt hier nicht vor. Es geht vielmehr um Gewinn und Unternehmenswert.

 

Reduziert man diese Aussagen auf ihren Kern und verknüpft diesen mit der Aufgabe, der sich das Unternehmen GHD angenommen hat, so kommt man unweigerlich zu dem Schluss, daß der hilfebedürftige Mensch hier zu einer Rohware gemacht wird, mit der Gewinne und Unternehmenswert gesteigert werden sollen. Selbst den weniger werdenden Zeitgenossen, die der Sozialen Marktwirtschaft immer noch positive Seiten abgewinnen können, sträuben sich da alle Haare.

 

Im Rückblick auf längst vergangene Zeiten, als die meisten Gesundheitsdienstleistungen noch von kommunalen oder gemeinnützigen Betrieben erbracht wurden, muss man einräumen, dass da auch nicht alles perfekt war. Im Gegenteil: Viele Betreiber hatten sich in ihrem Bereich bequem eingerichtet, während die Kosten immer weiter in die Höhe schossen. Effizienzsteigerungen wurden deshalb unerlässlich. Die Privatisierung solcher Einrichtungen versprach da Abhilfe.

 

Wenn sich nun aber Finanzinvestoren im Bereich der Pflegedienstleistungen breit machen, dann läuft deren Privatisierung gründlich aus dem Ruder. Finanzinvestoren ist es völlig gleichgültig, ob sie mit der Produktion von Werkzeugmaschinen, dem Leasing von Flugzeugen oder mit Spekulationen in Nahrungsmitteln Geld verdienen. Die Pflege kranker oder gebrechlicher Menschen aber erfordert in erster Linie menschliche Zuwendung. Außerdem ist dafür Geld erforderlich. Wie sich das mit dem Anspruch, Gewinne und Unternehmenswert zu steigern, auf einen Nenner bringen lässt, ist nur schwer auszumachen.