Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Probleme werden weginflationiert

Einflussreiche Ökonomen des Internationalen Währungsfonds empfehlen höhere Inflationsraten

23.02.2010 Erinnert sich noch jemand an das Gespenst der Inflation? Das tauchte vor Jahr und Tag auf, als die Notenbanken nach der Lehman-Brothers-Pleite begannen, die Welt mit Liquidität zu überfluten. Sein Erscheinen war damals ein reiner Reflex aus der herrschenden Lehre: Wenn zu viel Geld in Umlauf ist, zeitigt dies Inflation. Dass die Wirtschaftswelt damals am Rande des Kollaps stand und die weltweite Nachfrage trotz Geldmengenausweitung schrumpfte, für Preisanhebungen also gar kein Spielraum vorhanden war, störte die Mahner damals nicht. Tatsächlich stiegen die Preise in Deutschland im Jahresdurchschnitt nur um 0,4 Prozent – der niedrigste Wert seit zehn Jahren.

 

Gut ein Jahr später haben mutige Ökonomen dem Gespenst seine Angst einflößende Verkleidung vom Kopf gerissen und entdeckt, dass sich darunter ein ganz ansehnlicher Geselle verbirgt. In einem Arbeitspapier veröffentlichten in der vergangenen Woche hochrangige Volkswirte des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Empfehlung an die Notenbanken der Welt, mehr Inflation zuzulassen.

 

Dies stellt die bisherige Lehre, die der IWF bislang vertreten hat, komplett auf den Kopf. Geldwertstabilität galt ihnen, neben Wirtschaftswachstum, als das wichtigste Ziel aller Wirtschaftspolitik. Für die Deutsche Bundesbank galt dieses Ziel überhaupt als raison d’être, als einziger Sinn ihrer Existenz. Mit ihrer erfolgreichen Stabilitätspolitik bestimmte sie letztlich, solange die D-Mark existierte, die Geldpolitik in ganz Europa mit. Die Bundesbürger schließlich bewunderten die Währungshüter dafür und sahen in der festen D-Mark ein Symbol für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg ihres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Und nun kommen die IWF-Volkswirte daher und raten den Währungshütern, ihr Inflationsziel, das bislang – auch bei der Europäischen Zentralbank – bei zwei Prozent liegt, auf vier Prozent zu verdoppeln.

 

Wie so oft in der Vergangenheit werden diese Ratschläge in der Öffentlichkeit vermutlich weitgehend unkommentiert bleiben. Die Meinungen von Institutionen, die vom Alltag der Bürger weit entfernt sind, dringen gar nicht bis zu diesen vor. Aufregung kommt erst auf, wenn die Bürger entdecken, dass sich die Realität verändert hat. Das ärgste Beispiel dieser Art lieferte Ende der 1990er Jahre der Euro: Als die Deutschen begannen, ernsthaft über die europäische Gemeinschaftswährung nachzudenken und sie zu diskutieren, waren längst alle EWU-Verträge völkerrechtlich verbindlich unterschrieben.

 

Was die IWF-Volkswirte zu ihrem Sinneswandel getrieben hat, ist klar. Die infolge der Wirtschaftskrise allüberall gestiegene Staatsverschuldung lässt sich nur auf vier Wegen in den Griff bekommen: höhere Steuern, Einschränkung der staatlichen Leistungen, Wirtschaftswachstum und Inflation. Den beiden ersten Wegen setzt der drohende Unmut der Bevölkerung enge Grenzen; Wirtschaftswachstum lässt sich nicht erzwingen und ist mit hoher Unsicherheit behaftet. Da bleibt eine höhere Inflation als scheinbar elegante Möglichkeit, die Last der Staatsschulden zu verringern.

 

Für Wirtschaft und Bürger hätte eine höhere Inflation einschneidende Konsequenzen. Sobald die Gewerkschaften beginnen, höhere Preissteigerungen in ihre Lohnforderungen einzubauen, droht eine sich selbst beschleunigende Lohn-Preis-Spirale. Der Kaufkraft eines Euro würde bei vier Prozent Inflation innerhalb von zehn Jahren um ein Drittel schrumpfen. Das kommt einer schleichenden Enteignung derjenigen Sparer gleich, die ihr Geld in Schuldtiteln wie Bundesanleihen oder Sparbriefen angelegt haben. Einen gewissen Schutz dagegen bieten vor allem Sachwerte wie etwa Edelmetalle und Immobilien.