Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Zeitvertreib mit Gänsehaut

Die Krise Griechenlands ist im Alltag erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Unter der Oberfläche aber hinterlässt sie tiefe Spuren

21. Juni 2015 Wer in diesen Tagen durch Griechenland reist, der erlebt ein Land voller Normalität. So hat es jedenfalls den Anschein. Im quirligen Alexandroupolis im Osten sind die überaus zahlreichen Straßen-Cafés ab Mittag genauso gut besucht wie in Thessaloniki, der mit knapp 800.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt des Landes. Der Verkehr quält sich hupend durch die Hauptverkehrsstraßen und abends flanieren Jung und Alt scheinbar vergnügt entlang der Uferpromenaden.

 

Krise? Welche Krise?" fragten sich denn auch manche Besucher eines griechisch-deutschen Schriftstellertreffens Anfang Juni in Thessaloniki. Sie hatten "sichtbare Zeichen von Verfall und Niedergang, stigmatisierte Bürger" erwartet, hieß es hinterher im Berliner "Tagesspiegel". Ähnliches konnte man in der "Neuen Zürcher Zeitung" nachlesen, und dem hiesigen Chronisten erging es nicht anders.

 

Doch wer mit Griechen ins Gespräch kommt, der erlebt eine andere Realität. "Die Krise, das ist wie eine ewige, nicht enden wollende Gänsehaut", beschreibt Elsa, Dichterin und Journalistin, wie sie diese Realität erlebt. "Man möchte aus dieser Haut herausfahren, aber man entkommt dieser Realität nicht, wenn man an den immer zahlreicheren leeren Geschäftsräumen selbst in den Haupteinkaufsstraßen vorbeigeht." Umso mehr gilt dies in den Nebenstraßen der Städte, wo es ganze Straßenzüge entlang kaum mehr ein Ladengeschäft oder Büro gibt, in denen gearbeitet und Geld verdient wird.

 

Und das sind nur die Eindrücke zu ebener Erde. Aus dem Hotelzimmer im vierten Stock, an einer der Hauptgeschäftsstraßen im Zentrum Thessalonikis gelegen, fällt der Blick auf Fassaden von Bürogebäuden, in denen sich selbst tagsüber kaum irgendwo Anzeichen von Leben zeigen. Viele der Leuchtreklamen an diesen Fassaden werden schon lange nicht mehr beleuchtet.

 

Helmut, ein Deutscher, der schon seit vielen Jahren in Griechenland lebt, mit 68 Jahren inzwischen als Rentner, erzählt, wie er am vergangenen Freitag versucht hat, 3500 Euro von seinem griechischen Bankkonto abzuheben. Weil er in Urlaub fahren wolle, erklärte er der Bankangestellten. Nur so für alle Fälle und weil er seiner Bank - und allen anderen griechischen Banken - nicht mehr traut, erklärt er später seinen Gesprächspartnern. Doch das Abheben so großer Beträge ging am letzten Freitag schon nicht mehr. 1500 Euro war die Bank bereit herauszurücken. Nach Rücksprache mit einem ranghöheren Bankangestellten eröffnete man ihm zusätzlich die Möglichkeit, am Geldautomaten auch noch einmal bis zu 1000 Euro abzuheben.

 

Auch Katerina, Germanistik-Professorin an der Universität von Thessaloniki - mit mehr als 80.000 Studenten eine der größten Südosteuropas - kennt die "andere Realität" der Krise. Die Griechen tun alles für ihre Kinder, besonders für deren Ausbildung, erklärt sie. Da bleibe manchmal nicht genug übrig für ganz alltägliche Bedürfnisse. "Bei Theater-Workshops, die den ganzen Nachmittag über dauern, schicke ich inzwischen regelmäßig jemanden zum Bäcker, damit die Studenten zwischendurch auch mal etwas essen." Auf ihre - Katerinas - eigene Kosten, versteht sich.

 

Beim Besuch eines Café bemerkt man bald, dass die meisten Gäste sich stundenlang an einem "freddo Espresso" oder einem "Café frappé" (wirklich leckeren eisgekühlten Kaffeevariationen) und dem obligatorisch dazu gereichten Glas Wasser festhalten. Kostenpunkt: höchstens zwei bis drei Euro. Und die Uferpromenade, erklärt Katerina, ist auch deswegen abends so voll, weil hier beim kilometerlangen Spaziergang mit Freunden zwischen dem Weißen Turm und dem Konzerthaus viel Zeit vergeht. Und Zeit haben vor allem junge Leute reichlich. Arbeit finden ja nur die wenigsten von ihnen.