Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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"Rousfetia" - Griechenlands Fluch

Eine Regierung in Athen, die den notorischen Klientelismus im Lande durchbrechen will, hat jede EU-Unterstützung verdient

31. März 2015 Es gibt Sätze, die Zeitungleser impulsiv zum sofortigen Umblättern veranlassen. „Griechenland braucht Hilfe“ ist so ein Satz. Diese Botschaft lesen (und hören) wir nun schon seit Jahren, und trotzdem ist die Lage an der Ägäis so dramatisch wie vor fünf Jahren. „Griechenland ist bankrott“, hat sein Finanzminister Yannis Varoufakis schon vor Wochen klar und schnörkellos erklärt.

In Deutschland haben wir uns angewöhnt zu sagen: Bevor wir noch mehr Geld geben, sollen die Griechen erst einmal… Was folgt, ist eine lange Liste von staatlichen Wohltaten und Versäumnissen, die die Griechen abstellen müssten, um die Ausgaben ihres Staates zu drosseln und dessen Einnahmen zu steigern. So ähnlich laufen auch die Diskussionen zwischen den Regierungen, nur dass hier Athen aufgefordert ist, selbst Reformvorschläge zu machen, die die anderen Euro-Länder dann abnicken – oder eben nicht.

 

Die Euro-Zone bildet (wie die Europäische Union) eine Gemeinschaft stabiler Staaten, die die Regeln befolgen, die sich die jeweiligen Mitgliedsländer gemeinsam gegeben haben. Eine Regierung kann ein Land aber nicht stabilisieren oder stabil halten, wenn sie nur dem Willen der Partnerländer folgt. Sie muss auch die eigene Wählerschaft, so gut es geht, zufrieden stellen.

 

Die Griechen aber haben die Nase gestrichen voll von einem Staat, der sich permanent zur Beute habgieriger Cliquen machen lässt. Deswegen haben sie erst die PASOK-Regierung von Giorgos Papandreou, und im letzten Januar die konservative Regierung von Antonis Samaras abgewählt.

 

Historiker Heinz A. Richter, der als führender deutscher Experte für Griechenland im 20. Jahrhundert gilt, erklärt das griechische politische System so: Es gebe zwar „politische“ Parteien, die sich als liberal, konservativ oder sozialistisch titulieren; diese hätten aber mit ihren europäischen Gegenstücken nichts gemein – außer vielleicht den Namen. „Parteiprogramme, Parteiorganisationen oder Parteitage waren unbekannt, ebenso die innerparteiliche Willensbildung von unten nach oben.“

 

Die Partei, schrieb Richter schon vor Jahren, sei vielmehr die Klientel des Parteiführers und seiner Stellvertreter. Parteiloyalität hänge davon ab, welche persönlichen materiellen Vorteile (rousfetia) die Parteiführung ihrer Klientel zukommen lassen konnte. Konflikte wurden in diesem System dadurch gelöst, dass die Dissidenten mit ihren eigenen klientelistischen Sub-Netzwerken die Partei verließen und sich einer anderen klientelistischen Pyramide anschlossen.

 

Fast alle Parteiführer haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anfangs versucht, das Klientel-System zu durchbrechen. Bislang sind alle daran gescheitert. Je mehr Hilfsgelder seit dem EU-Beitritt flossen, umso mehr hatten die jeweiligen Parteiführer an der Regierung zu verteilen – sei es in Form von Arbeitsplätzen in der aufgeblähten staatlichen Bürokratie, sei es in Form von lukrativen Aufträgen für die Wirtschaftsoligarchie.

 

Eine griechische Regierung, die sich vorgenommen hat, diesen Klientelismus zu durchbrechen, braucht dringend Hilfe. Sie braucht die Solidarität und die aktive technische Unterstützung aller übrigen EU-Staaten. Zum Überleben braucht sie außerdem kurzfristig mehr Geld.

 

Die Griechen sind faul und korrupt? Die meisten derjenigen Griechen, die frühzeitig „nach Europa“ ausgewandert sind, haben sich beispielsweise in Deutschland gut integriert und gehen hier auch ohne „rousfetia“ rechtschaffen ihrer Arbeit nach. An der Mentalität kann es also nicht liegen. Sie fügen sich – hier wie dort – einfach dem jeweiligen System, um zu überleben.

 

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