Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Pleite und Verantwortung

Wenn Griechenland insolvent werden würde, würde Europa wohl nicht gleich im Chaos versinken

20.04.2010 Es ist schon merkwürdig: Dieselben Ökonomen, die vor zwei Jahren von einer weltweiten Finanzkrise noch nichts wissen wollten, geben heute schon wieder gute Ratschläge. Es werde zu einem Flächenbrand kommen, wenn den Griechen nicht geholfen werde, heißt es. Oder das Ende des Euro wird heraufbeschworen, wenn Griechenland in den Staatsbankrott abrutscht. Am Ende würde ganz Europa im Chaos versinken.

 

Das will natürlich niemand. Konfrontiert mit derlei Beschwörungen nimmt die Zahl derjenigen rapide ab, die die möglichen Folgen einer möglichen griechischen Staatspleite nüchtern abwägen.

 

Wie war das denn in Island oder in Argentinien oder Mexiko oder Brasilien? Ist ganz Europa im Chaos versunken, als der IWF Ungarn oder Litauen mit Krediten vor der Staatspleite bewahrt hat?

 

Bei einem Mitgliedsland der Währungsunion sei das ganz anders, argumentieren die Hilfsbereiten. Ist das wirklich so? Tatsache ist, dass der Euro seit Bekanntwerden der Finanzprobleme Griechenlands erheblich an Wert verloren hat. Dadurch haben sich die Importe verteuert und die Inflationsraten sind gestiegen. Wir sind seither alle ein bisschen ärmer geworden.

 

Helfen die anderen EWU-Länder den Griechen, nehmen auch deren Finanzprobleme zu. Daher gibt es guten Grund für die Schwäche des Euro.

 

Schert Griechenland dagegen aus der Währungsunion aus, und dies womöglich auf Druck der übrigen Euroländer, so müsste dies eigentlich an den Finanzmärkten mächtig Eindruck machen. Seht her, könnte es dann heißen, seht her, die Euro-Mitgliedsländer meinen es wirklich ernst mit der Finanzstabilität. Sie lassen sich nicht an der Nase herumführen und fordern ihren Regierungen die volle Verantwortung für ihr Handeln ab. Da müssten sich Spekulationen gegen den Euro eigentlich erübrigen.

 

Dabei würden gleichzeitig diejenigen Banken zur Verantwortung gezogen, die in der Vergangenheit den Griechen munter Geld geliehen haben. Sie würden im Fall einer Staatspleite Griechenlands riesige Verluste erleiden und erneut in eine Krise stürzen. Eine noch schlimmere Kreditklemme wäre die Folge. Es sei denn, sie handelten mit Athen eine Umschuldung und einen teilweisen Forderungsverzicht aus, wie sie dies in den vergangenen Jahrzehnten schon dutzendfach erfolgreich vorexerziert haben – auch bei Ländern mit größerem ökonomischem Gewicht, und ohne dass es hinterher zu einer Kreditklemme gekommen wäre.

 

Doch so denken und funktionieren Europas Regierungen nicht. Eher gleicht die Situation wohl derjenigen von 1984 in den USA nach der Rettung der damals viertgrößten US-Bank. Seinerzeit erklärte der damalige Chef der US-Einlagen sicherung FDIC, William Seidman: „Tatsächlich weiß niemand, was passieren könnte, wenn man eine große Bank zusammenbrechen lässt, aber die Möglichkeit, dies herauszufinden, erscheint der Öffentlichkeit und den zuständigen Behörden nicht sonderlich reizvoll.“

 

Die langfristigen Folgen der Bereitwilligkeit, notleidenden Banken, anderen Unternehmen oder sogar Staaten vor dem Bankrott zu retten, sind allerdings tiefgreifend. Gerade im Vorfeld der aktuellen Finanzkrise konnte man sehen, zu welcher Verantwortungslosigkeit sich Banker hinreißen lassen, die sicher sein können, dass ihr Institut schlimmstenfalls gerettet werden wird. Um eine Wiederholung zu verhindern, müssen nun überall neue Vorschriften erlassen werden. Auch die EU denkt über zusätzliche Vorschriften für die Finanzpolitik der EU-Länder nach. Das alles ließe sich vermeiden, wenn Banker, Unternehmer und Manager sowie Regierungschefs und Minister in dem Bewusstsein handeln würden, dass schwerwiegende Entscheidungsfehler geradewegs in die Pleite führen können. Die Disziplin, die von solchem Bewusstsein ausgeht, lässt sich durch nichts ersetzen.