Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Unsere Währung - Euer Problem

Die Hilfe der Europäer für Griechenland ist keineswegs nur Ausdruck von Solidarität oder Barmherzigkeit

13.04.2010 In der Debatte um Kindesmißbrauch und den Umgang der katholischen Kirche mit den Verfehlungen mancher ihrer Priester fand sich dieser Tage in einer Zeitung der schöne Satz: „Auch an die Not der Täter zu denken, das tut die Psychologie manchmal, eine Zeitung selten, die Polizei nie – das kann nur die Kirche.“ Bringt man diesen Satz in Verbindung mit der Finanzkrise Griechenlands und den Umgang der EU mit den Verfehlungen eines ihrer Mitgliedstaaten, dann drängt sich der Eindruck auf: Die Europäische Union ist im Begriff, sich zur Kirche zu wandeln.

 

Erinnern wir uns: Griechenland hat die europäischen Partner beim Start des Euro vor zehn Jahren getäuscht und betrogen. Weil niemand den Schummel bemerkte oder wahrhaben wollte, machten die Griechen noch jahrelang so weiter – bis der Schwindel im Zuge der Finanzkrise aufflog, wie manch anderer Schwindel auch.

 

Einer der ganz großen Finanzschwindler, Bernard Madoff, wurde zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Amerikaner waren da nicht zimperlich.

 

Die Europäer sind anders. Solidarität ist auf dem alten Kontinent ein hohes Gut. Wer in Not ist, dem wird hier geholfen. Diesem Grundsatz folgen auch die Amerikaner. Aber sie machen doch häufig einen Unterschied zwischen denjenigen, die unverschuldet in Not geraten sind, und jenen, die sich die Suppe selbst eingebrockt haben.

 

Griechenland hat sich seine Suppe selbst eingebrockt. Trotzdem sind die Europäer bereit, den Griechen zu helfen. Bis zu 30 Milliarden Euro Kredit haben sie den Griechen in Aussicht gestellt, wenn die Finanzmärkte die Schulden des schönen Landes am Mittelmeer nicht länger zu finanzieren bereit sein sollten.

 

Der Eindruck, dies geschehe aus reiner Barmherzigkeit, ist dabei jedoch gänzlich unangebracht. Zum einen reden die Europäer sich seit Monaten selbst ein: Wenn Griechenland fällt, fällt auch der Euro; und wenn der Euro fällt, ist auch die EU nicht mehr viel wert. Die Motivation der Helfer ist deshalb mit einem ordentlichen Schuss Selbstschutz durchtränkt.

 

Möglicherweise ist aber auch das noch nicht die ganze Wahrheit. Wenn Deutschland den Griechen beispielsweise zehn Milliarden Euro Kredit zu fünf Prozent Zinsen leiht, könnte das sogar ein einträgliches Geschäft werden. Deutschland hat dieses Geld ja nicht in den Tresoren der Bundesbank liegen. Die Regierung müsste sich das Geld selbst am Finanzmarkt leihen. Der Bund muss für seine Kredite bislang allerdings nur rund drei Prozent Zinsen zahlen. Reicht er das Geld an Griechenland zu fünf Prozent weiter, dann könnte er die zwei Prozent Zinsdifferenz behalten – als Risikoprämie.

 

Die Finanzmärkte schätzen das Risiko des Schuldners Griechenland derzeit höher ein und verlangen etwa vier Prozent Risikoprämie. Dabei ist allerdings die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Märkte in dieser Krisensituation – wie schon in vielen ähnlichen in der Vergangenheit – maßlos übertreiben.

 

Es kommt aber noch ein wichtiger Faktor hinzu. Im Zuge der Griechenland-Krise haben es viele Investoren vorgezogen, ihr Kapital ganz aus dem Euroraum abzuziehen. Demzufolge ist der Euro gegenüber dem US-Dollar kräftig gesunken. Während sich vorher alle Welt vor einem Kollaps des US-Dollar fürchtete, profitieren nun europäische Exporteure von der Schwäche des Euro. Die Europäer können damit ein oft wiederholtes Bonmot der Amerikaner umdrehen und sagen: Der Euro ist unsere Währung, aber Euer Problem.

 

Da zeigt sich, dass es nicht immer klug ist, sich bei schwierigen Entscheidungen Amerika zum Vorbild zu nehmen.