Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Wetten, die die Welt verändert haben

Die Klage gegen die US-Investmentbank Goldman Sachs bringt merkwürdige Geschäfte ans Tageslicht

13.04.2010

Eine mutige Behörde, ein mutiger Staatsanwalt greifen das Allerheiligste an. Goldman Sachs, die US-Investmentbank, die die Finanzkrise bisher gut überstanden hat, ohne in existenzielle Nöte zu geraten, wird vor den Kadi gezerrt. Eine Institution, die wie keine andere vom Vertrauen ihrer Geschäftspartner lebt, wird des Betruges angeklagt.

 

Wenn es tatsächlich dazu kommt, wird das Interessanteste an dem Verfahren sein, dass eine breite Öffentlichkeit Einblick in die Art und Weise erhält, wie an der Wall Street Geschäfte gemacht wurden (und werden) und mit welchen Tricks dort gearbeitet wird.

 

Der aktuelle Wissensstand ist dieser: Der Hedge-Fonds-Manager John Paulson – nicht zu verwechseln mit Ex-US-Finanzminister Henry Paulson – wollte 2007 eine Wette darauf abschließen, dass die US-Immobilienblase platzt und Millionen von Bankkrediten bald nicht mehr bedient werden würden. Paulson fand dafür aber kaum geeignete Wett-Instrumente noch Geschäftspartner, die dagegen halten würden. Deshalb bat er die Investmentbank Goldman Sachs, eine solche Wette zu konstruieren und ihm die entsprechenden Wett-Gegner zu verschaffen. Angeblich soll Paulson auch noch an der Konstruktion des Wett-Instruments mitgewirkt haben, damit auch ja nichts schiefgeht.

 

Auf diesen letzten Punkt konzentrieren sich die Staatsanwälte. Dass Paulson bei der Zusammensetzung der Elemente mitredet, hätte Goldman Sachs den Unterzeichnern der Wette, darunter auch die IKB Bank, mitteilen müssen.

 

Hinter dieser legalistischen Argumentation droht allerdings zu verschwinden, mit was für einer Art von Geschäften in dem lange so hoch gepriesenen Investmentbanking Geld verdient wird. Hinter all den komplizierten Finanzinstrumenten, um die es hierbei geht, verstecken sich in der Tat simple Wetten. Die Wall Street – ein reines Spielcasino. Dort ging es zu wie beim Roulette: Rot oder Schwarz. Gewinnt Rot, gewinnen alle Spieler, die auf Rot gesetzt haben, die anderen verlieren alles.

 

Nun ging es beim US-Immobilienmarkt nicht nur um ein paar Euro oder Dollar Spieleinsatz. Als die Roulette-Kugel zum Stillstand kam, brachen hunderte Banken zusammen und drohten, das Weltfinanzsystem mit sich in den Abgrund zu reißen.

 

Man darf aber auch nicht dem Irrtum unterliegen, dass Leute wie Paulson und Institutionen wie Goldman Sachs mit ihren Wetten die US-Immobilienblase zum Platzen gebracht haben. Die wäre irgendwann ganz von allein geplatzt. Der Irrsinn liegt darin, dass es innerhalb des Finanzsystems möglich ist, mit volkswirtschaftlich vollkommen sinnlosen Wettgeschäften Geld zu verdienen und andere dazu zu verleiten, solche Wetten zu halten.

 

Da wurde ein riesiges Potenzial an Finanz-Know-how und mathematischem Verstand mobilisiert, um Wetten zu veranstalten, bei denen am Ende einer gewinnt und viele verlieren. Ganz so, als ob es sonst keine Probleme in der Welt gäbe. Mit solchen Wetten werden keinerlei Werte geschaffen. Solche Wetten dienen einzig und allein dazu, Einkommen umzuverteilen. John Paulson, so heißt es, habe mit seinen Wetten mehrere Milliarden Dollar gewonnen – nicht verdient, sondern gewonnen. Manchen Verlierern in dem Spiel haben die Verluste das finanzielle Genick gebrochen.

 

Angesichts solcher Ergebnisse muss es erlaubt sein zu fragen, warum Politik und Aufsichtsbehörden solche Wettgeschäfte überhaupt zugelassen haben. Worin liegt der Sinn solcher Geschäfte? Wem außerhalb der Wall Street, die daran Abermillionen Dollar an Gebühren kassiert, nutzen sie?

 

Wenn die Bankenregulierer jetzt dafür sorgen wollen, dass solche Wettgeschäfte im geregelten Rahmen etablierter Börsen abgeschlossen und abgewickelt werden, müssen sie sich nicht wundern, wenn ganz normale Geldanleger angewidert diesen Börsen fernbleiben.