Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Hückeswagen ist überall

Warum Textilarbeiter in Dhakka und Chittagong für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen

03.08.2010 Wenn in Bangladesh – wie jetzt wieder – Textilarbeiter gegen ihre Arbeitsbedingungen und für höhere Löhne kämpfen, muss ich an Hückeswagen denken. Die Kleinstadt im Bergischen Land am Ufer der Wupper lebte einst von der Kunst, edle Tuchwaren herzustellen. Und sie lebte nicht schlecht davon, wie man heute noch an den zum Teil liebevoll restaurierten  Tuchmacherhäusern nachvollziehen kann.

 

Im Laufe des 20. Jahrhunderts erkämpften sich auch die Arbeiter von Hückeswagen immer mehr Rechte und höhere Löhne, damit auch sie von ihrer Arbeit besser leben konnten. Später wurden immer mehr Handelsschranken abgebaut. Und damit begann der Niedergang der Textilindustrie an der Wupper: Anderswo gab es Länder und Städte, in denen Tuch- und Textilfabrikanten günstiger produzieren konnten. Städte wie Hückeswagen gibt es überall in Deutschland.

 

Was hat das mit Bangladesh zu tun? Diesem Armenhaus der Welt hatten Europäische Union und USA vor Jahrzehnten Sonderrechte eingeräumt. Textilien und Bekleidung aus Bangladesh durften zollfrei und ohne Mengenbegrenzungen importiert werden. Die Folge war, dass an den Ufern von Ganges und Brahmaputra eine Textil- und Bekleidungsindustrie heranwuchs, in der Millionen Menschen Arbeit und Einkommen fanden. Die Arbeiter in den Fabriken mussten viele Stunden am Tag arbeiten und sie verdienten wenig. Dennoch war die Textilindustrie die Hoffnung des Landes. „Die Bekleidungsindustrie“, sagte vor Jahren der Botschafter des Landes in Deutschland, „ist unsere Lebensader.“

 

Dann überlegten sich die Mächtigen der Welt etwas Neues: Das Welttextilabkommen, das bis dahin den Handel mit Garnen, Tüchern und Bekleidung regelte, wurde nicht erneuert. Stattdessen sollte jedes Land in jedes andere Land so viel Textilerzeugnisse exportieren oder von dort importieren können, wie es wollte. Für die Textilindustrie in Bangladesh bedeutete dies gnadenlosen Wettbewerb mit dem großen Rivalen im Norden: China.

 

Regierung und Unternehmer Bangladeshs warnten damals vor den Folgen. Doch die Handelspolitiker der Welt verbreiteten eine andere Sicht der Dinge. Die Unterwerfung der Textilbranche unter die Regeln der Welthandelsorganisation (anstelle des Welttextilabkommens), die Abschaffung von Importquoten und Zöllen sei ein großer Gewinn für die Entwicklungsländer, in denen eine Textilindustrie schon häufiger den Nukleus einer weitergehenden Industrialisierung gebildet habe.

 

Arbeiter und Unternehmer in Bangladesh hatten schon damals eine andere Sicht der Dinge: Nun darf ein Armenhaus der Welt in den Wettbewerb mit den vielen anderen Armenhäuser treten. Regierungsvertretern aus Europa, die mit ihren Sonderregelungen für Textilimporte aus Bangladesh für die dortige Industrie quasi eine Patenschaft übernommen hatten, war das einerlei. Tatsächlich versprachen sie auf einer Konferenz in Berlin im Jahr 2003 den Unternehmern von Bangladesh Wettbewerbsvorteile, wenn sie ihre Arbeits- und Sozialbedingungen anheben, Kinderarbeit abschaffen und die Löhne erhöhen würden.

 

Eingetreten ist vielmehr, was Arbeiter und Unternehmer aus Dhakka und Chittagong schon damals befürchteten. Die Arbeitsbedingungen wurden verschärft,  die Löhne gedrückt und manche Textilfabriken brannten auf mysteriöse Weise ab. Heute ringen die Arbeiter um einen gesetzlichen Mindestlohn.

 

Sicher, Verbraucher in Köln und Konstanz können heute Hosen und Röcke, Blusen und Hemden für 3,99 Euro kaufen. Auf solche Preise sind viele Verbraucher aber auch angewiesen, weil sie im Zuge der Globalisierung ihren Job verloren haben. Vielleicht war es ein Job in der Textilindustrie. Hückeswagen ist irgendwie überall.