Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Die Märkte wissen auch nicht mehr

Die Finanzpolitiker der Euroländer handeln unter dem Druck der Märkte, anstatt eigene politische Ziele zu setzen und um das Vertrauen der Märkte zu werben

20.07.2010 Als die europäischen Eroberer vor Hunderten von Jahren an den Küsten Afrikas landeten und den dortigen Granden wertvolle Güter und Sklaven abschwatzten, bezahlten sie dafür mit Haufen bunter Glasperlen. Wenn wir heute unsere täglichen Einkäufe bezahlen, geben wir dem Verkäufer ein Stück bedruckten Papiers. Wenn die Regierungen heute Steuern erhöhen und Ausgaben einschränken, dann tun sie dies, damit Menschen, die mit Geld Geld verdienen wollen, nicht das Vertrauen in die dauerhafte Werthaltigkeit des bedruckten Papiers verlieren, mit dem wir unsere täglichen Einkäufe bezahlen.

 

Vertrauen ist die Grundlage unseres Geldsystems. Vertrauen ist auch die Grundlage von Geldgeschäften, bei denen es beispielsweise um die Aufnahme von Krediten durch die öffentliche Hand eines Staates geht. Der Soziologe Niklas Luhman hat Vertrauen als „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ bezeichnet. Vertrauen kommt dort als wichtiges Element ins Spiel, wo wir nicht genau wissen, was unser Geschäftspartner als nächstes tun wird oder wie eine Gemeinschaft – etwa ein Staat – sich entwickeln wird. Vertrauen bezieht sich auf zukünftige Handlungen oder Entwicklungen. Die Zukunft kennen wir nicht. Deswegen setzen wir unsere Intuition ein, um ein Stück Zukunft zur Grundlage unseres gegenwärtigen Handelns machen zu können.

 

Als im Frühjahr erst Griechenland und dann der Euro das Vertrauen der Finanzmärkte zu verlieren drohten, zogen Europas Regierungen Konsequenzen. Sie schnürten riesige Hilfspakete, die, wenn sie in Anspruch genommen werden sollten, die Aufnahme von Krediten in gewaltiger Größenordnung von Hunderten Milliarden Euro erfordern. Nimmt man die seitherige Entwicklung des Euro-Wechselkurses zum Maßstab, dann haben diese Hilfspakete den drohenden Vertrauensverlust der Finanzmärkte in den Euro gestoppt.

 

Die Regierungen haben die Hilfspakete nicht etwa geschnürt, weil sie dies wollten oder im Interesse der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung ihrer eigenen Länder für notwendig erachtet hätten. Im Gegenteil: Die Widerstände gerade der deutschen Bundesregierung waren groß. Letzten Endes aber haben auch Angela Merkel, Wolfgang Schäuble & Co. sich den Launen der Finanzmärkte unterworfen.

 

Die Launen der Finanzmärkte – auch sie werden gespeist von Intuitionen. Die Bank X, der Hedge Fonds Y und der begüterte Privatanleger Z, die ihr Geld normalerweise gern in Staatsanleihen anlegen, auch sie kennen die Zukunft nicht. Auch sie legen ihren Entscheidungen Vertrauen zugrunde – oder eben nicht. Vorgestern haben sie ihr Geld noch bei Lehman Brothers angelegt. Seither sind sie mißtrauisch geworden.

 

Da wäre es an der Zeit gewesen, dass die Regierungen klipp und klar erklären: Wir tun dies oder jenes, weil wir dies im Interesse der Krisenbewältigung oder der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung für sinnvoll und notwendig erachten. Sie hätten mit solchen Erklärungen um Vertrauen werben können.

 

Stattdessen entbrannte zwischen den USA und Europa ein Streit um den richtigen wirtschaftspolitischen Kurs. Die Amerikaner wollten mit mehr Staatsausgaben die Konjunktur weiter stützen, die Europäer lieber ihre Staatshaushalte konsolidieren. Gewonnen haben vorerst die Europäer: Die G-20 erklärten, sie wollten alle ihre Haushaltsdefizite bis 2013 halbieren. Vertrauensbildung sieht anders aus.

 

Die Anleger an den Finanzmärkten wissen auch nicht mehr als andere Menschen. Sie wissen auch nicht, welches der richtige wirtschaftspolitische Kurs ist, der aus der Krise herausführt. Sie wollen einfach nur Geld verdienen. Jetzt setzen sie darauf, dass die US-Konjunktur stottert, weil die Amerikaner auf dem G20-Gipfel nicht bekommen haben, was sie wollten. Jetzt wetten sie – wieder einmal – gegen den US-Dollar.