Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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FIFA der Weltpolitik

Den G-20 fehlen Schiedsrichter, auch wenn deren unangreifbare Entscheidungen manchmal höchst fehlerhaft sind

29.06.2010 Beim gegenwärtigen Gipfeltreffen in Südafrika gibt es jeden Tag Fortschritte. Die Delegation mit den besseren Argumenten setzt sich durch und kann bald die Repräsentanten eines anderen Landes von den Qualitäten ihren Ideen zu überzeugen versuchen. Wer nicht so gut vorbereitet zu den Treffen erscheint, fliegt raus und muss die Heimreise antreten. Am Ende kommt es zu langen, einsilbigen Verlautbarungen: Toooor, Toooor, Toooor!

 

Bei den Gipfeltreffen der G-20 geht es anders zu, gesitteter, wortreicher. Auch wenn zuweilen gestritten und gefoult wird, werden keine gelben und roten Karten verteilt. Bevor eine Delegation einen Treffer landen kann, wird erst einmal lange argumentiert, ob das überhaupt ein Treffer war. Da macht sich schmerzhaft bemerkbar, dass bei den G-20 ein unparteiischer Schiedsrichter fehlt, der unangreifbar entscheidet, ob ein Treffer ein Treffer ist. Und am Ende heißt es nicht „Toooor“, sondern „Kommuniqué“, dessen Erklärungen für die Teilnehmer noch nicht einmal bindend sind. Hauptsache, jede Delegation kann sich hinterher als Gewinner darstellen.

 

Das hat unwiderlegbare Vorteile. Wenn Staatschef Nicolas Sarkozy aus Toronto nach Frankreich zurückkehrt, muss sich seine Nation nicht schämen. Bundeskanzlerin Angela Merkel freut sich, dass das Wort „Bankenabgabe“ überhaupt Eingang in das Abschlusskommuniqué gefunden hat; der Streit der Gipfel-Teilnehmer, ob das ein Treffer war, hält jedoch an. Merkel kann damit die Hoffnung wachhalten, dass sie damit irgendwann in der Zukunft das Finale erreicht.

 

US-Präsident Barack Obama hat am Rande des Spielfelds in Toronto freiwillig erklärt, seine Nation spiele nicht mehr mit: Die Amerikaner könnten und wollten nicht länger Schulden aufhäufen und mit ihren Ausgaben das Turnier – sprich: die Weltkonjunktur – am Laufen halten.

 

Die derzeitige Konjunkturlokomotive China hatte schon vor dem Treffen erklärt, dass das Riesenreich jetzt doch ein paar der ansonsten weltweit anerkannten Regeln des Spiels ernster nimmt und seiner Währung erlauben wird, ein paar Prozentpunkte aufzuwerten.

 

Die bemerkenswerteste Interpretation des Tabellen-Schlussstandes wagte der Gastgeber des Gipfeltreffens in Toronto, Kanadas Premierminister Stephen Harper: „Wir haben starke Beschlüsse zur Eindämmung der Schulden vorgenommen.“ Um dann gleich einzuschränken, dass es darum eigentlich gar nicht gegangen sei: „Haushaltskonsolidierung ist  nicht ein Ziel an sich.“ Vielmehr würden kreditfinanzierte Konjunkturprogramme vorerst weiter eine wichtige Rolle spielen.

 

Man kann es auch so ausdrücken: Die FIFA der Weltpolitik ist tief zerstritten. Man ist sich noch nicht einmal über die vorrangigsten Ziele einig: Die einen würden am liebsten noch mehr Schulden machen und mit zusätzlichen Ausgaben die Konjunktur ankurbeln, die von Währungsspekulanten getriebenen Europäer setzen auf Sparsamkeit und Schuldeneindämmung.

 

Ähnlich geht es bei Merkels Hoffnungswert „Bankenabgabe“ zu, nur verlaufen hier die Fronten anders. Die krisengeplagten US-Amerikaner und die Europäer wollen sie; Länder wie Kanada, Indien oder Brasilien, deren Banker so klug waren, vor Jahren keine Bündel von amerikanischen Subprime-Hypotheken zu kaufen und deshalb auch nicht gerettet werden mussten, sehen keinen Anlass, ihr Kreditgewerbe mit einer zusätzlichen Abgabe zu belasten.

 

Schade eigentlich, dass Fußball und Politik nicht manchmal die Plätze tauschen. Beim Fußball steht am Ende immer ein eindeutiges Ergebnis, auch wenn den Schiedsrichtern manchmal schwere Fehler unterlaufen. Wär das schön, wenn wir am Ende eines politischen Gipfeltreffens einmal gemeinsam „Toooor“ brüllen könnten.