Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Investmentfonds im Abseits

Die Fondsbranche hat ihr Selbstverständnis als Sammelbecken für die Ersparnisse des breiten Publikums längst aufgegeben

13.7.2009 Von einem Geschäftsführer einer Kapitalanlagegesellschaft, der lieber anonym bleiben wollte, konnte man dieser Tage den Satz lesen: „Der Publikumsfonds ist tot.“ Eine solche Aussage kommt insofern überraschend, weil man von Menschen in solchen Positionen eigentlich das Gegenteil erwartet: ein Loblied auf Investmentfonds.

 

Doch das fällt den Fondsmanagern dieser Tage schwer und kommt kaum noch jemandem über die Lippen. Wenn die Branche in wenigen Tagen ihre Halbjahresbilanz vorlegt, wird sie – wie in den vergangenen Monaten – erneut viele Minuszeichen bei der Wertentwicklung ausweisen. Die Anleger werden eher stumm zur Kenntnis nehmen, dass die kurzfristigen Kursgewinne der letzten Monate bei Aktien nicht ausgereicht haben, um die verheerende Vermögensvernichtung der vergangenen 18 Monate auszugleichen.

 

Wenn nun immer mehr Sparer sich von Investmentfonds zurückziehen, so schreiben professionelle Kritiker der Branche dies der Konkurrenz der sogenannten Exchange Traded Funds (ETF) zu. Die bilden einfach einen Index nach, dessen Wertentwicklung sie strikt nachvollziehen. Deren Ergebnisse seien oft besser als die der aktiv gemanagten Fonds, von denen kaum einer dauerhaft besser abschneidet als ein Index.

 

Tatsächlich aber dürfte der wachsende Unwille des Publikums gegenüber Investmentfonds viel tiefer liegen. Denn die Fondsbranche hat schon vor vielen Jahren ihr Selbstverständnis als Sammelbecken für Ersparnisse von Durchschnittsverdienern aufgegeben.

 

Die Fondsbranche wollte wachsen. Sie ist auch lange Zeit gewachsen, und zwar überdurchschnittlich schnell. Doch dann passierte etwas, womit die Fondsmanager nicht gerechnet hatten. Die Ersparnisse des breiten Publikums wuchsen nicht mehr so schnell wie zuvor, weil die Einkommen der Durchschnittsverdiener nicht mehr wuchsen. Zugelegt haben dagegen die Einkommen und damit auch die Ersparnisse der Spitzenverdiener. Die Quelle des Wachstums sprudelte plötzlich woanders. Und die Kapitalanlagegesellschaften stellten sich darauf ein.

 

Millionäre legen ihr Geld anders an als Durchschnittsverdiener. Ein paar Prozent ihres Vermögens legen sie hier an, ein paar weitere Prozent dort, und einen dritten Betrag wieder woanders – immer auf der Suche nach neuen Gewinnchancen. Investmentmanager gründeten deshalb separate Fonds für einzelne Anlagemärkte und Themen, bis sämtliche Ecken und Nischen des Anlageuniversums mit Fonds abgedeckt waren.

Das breite Publikum verstand derweil die Fondswelt nicht mehr. Kein Wunder, bei solchen Fondsbezeichnungen wie „ACC Alpha Select“ oder „ficon global stars“. Welcher Postbank-Berater soll seinem Kunden, dem Facharbeiter, zu solchen Fonds raten – und mit welcher Begründung?

 

Mit der Aufteilung des breiten Anlageuniversums in lauter einzelne Nischenfonds beging die Fondsbranche einen zweiten Fehler. Sie verabschiedete sich von dem Vorzug einer breiten Streuung ihrer Mittel, der sogenannten Diversifikation. Sie überließ es Großanlegern, die sprichwörtlichen Eier auf mehrere Körbe selbst zu verteilen und verlor dabei die Bedürfnisse des breiten Publikums aus dem Auge, die solch eine breite Streuung der Ersparnisse von ihrem Investmentfonds erwartete.

 

Nun ist das Debakel eingetreten, mit dem niemand gerechnet hat: Fast alle der vielen spezialisierten Fonds stecken tief im Minus. Nur ein winziges Häuflein von Mischfonds, die ein ausgewogenes Verhältnis von Sicherheit und Rendite anstreben, weisen noch – kurz- und langfristig – positive Wertentwicklungen aus. Bloß das Publikum dafür hat die Fondsbranche inzwischen verloren.