Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Hochmut - vor dem Fall?

Nur weil es jetzt ums Geld geht, dürfen wir nicht jede Achtung vor Kulturen und Traditionen anderer Länder ablegen

05.06.2012 Als die Deutschen nach 1945 aus dem Albtraum des Nationalsozialismus erwachten, fanden sie sich in ungewohnter Umgebung wieder. Viele ihrer Traditionen und Teile ihres kulturellen Erbes waren im und vom Dritten Reich benutzt und beschmutzt worden. Neue Werte mussten her. Adenauers Westbindung verschaffte sie ihnen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und vor allem Soziale Marktwirtschaft hießen die neuen Leitbilder. Hinzu kam die auf ökonomische Belange konzentrierte Einbindung in die Europäische Gemeinschaft.

 

Das Grundgesetz und die D-Mark wurden zu Identifikationssymbolen. Das „Wir-sind-wieder-wer“-Gefühl gründete sich – außer auf die Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 – vor allem auf die Erfolge der deutschen Wirtschaft. Befördert auch durch eine wachsende Fülle sozialer Wohltaten ordneten sich die Bürger bereitwillig den neuen, vor allem ökonomisch geprägten Regeln unter. Die sogenannten Sachzwänge wurden auch dann noch akzeptiert, als es darum ging, die Wohltaten des Sozialstaats zu beschneiden. Wenn der Bundespräsident heute vorsichtig von seinem Stolz auf Deutschland spricht, so hat das unter anderem auch mit wirtschaftlichen Erfolgen zu tun.

 

Andere europäische Länder haben in diesen Jahrzehnten eine andere Entwicklung genommen. Sie hatten wenig Anlass, mit ihrem kulturellen Erbe und ihren Traditionen zu brechen und zeigten weniger Bereitschaft, sich den Regeln und Zwängen der Ökonomie unterzuordnen.

 

Vom Spanien des 19. Jahrhunderts heißt es beispielsweise: „„Der Homo hispanicus lebt in seiner Mehrheit ohne Verständnis für die Antriebskräfte des mo­dernen Homo oeconomicus. Wer etwas besitzt, sucht sein Eigentum nicht zu mehren und will auch nichts investie­ren." Und über den Umbruch nach dem Ende der Franco-Diktatur im Jahr 1975 schrieb kürzlich die „Süddeutsche Zeitung“: Den habe „Spanien zwar mit Bravour bewältigt und eine freizügige Gesellschaft geschaffen.“ Ökonomisch aber sei das Land im Spätmittelalter stecken geblieben. „Idole der jungen Generation wurden in den neunziger Jahren moderne Pizarros[1]wie der Banker und Glücksritter Mario Conde, der mit unsoliden Geschäften reich wurde - und im Gefängnis landete. Die Präferenz für Immobilienbesitz statt Unternehmertum sei noch in der Franco-Diktatur nach Kräften gefördert worden und hat später den Grundstein für den Immobilien-Spekulationsboom des letzten Jahrzehnts gelegt. Nun darben die Banken des Landes unter der Last von Bergen fauler Kredite.

 

Ein anderes Beispiel: Griechenland, so hieß es dieser Tage in der „ZEIT“, war in der „Moderne meist das Objekt fremder Interessen und selten das Subjekt der eigenen.“ Das habe sich mit der Besetzung im Zweiten Weltkrieg und mit der von den Westmächten unterstützten Militärdiktatur Ender der 1960er Jahr fortgesetzt. Wann also, bitteschön, hätten die Griechen eine Tradition der Identifikation mit dem eigenen Staat und damit eine Bereitschaft, Steuern zu bezahlen, entwickeln sollen?

 

In der Krise geht es jetzt nur noch ums Geld. Der Fiskalpakt droht gewachsene gesellschaftliche Strukturen von Gesellschaften zu zerstören, die sich nicht so bereitwillig wie die Deutschen den Regeln und Zwängen des neuen Finanzkapitalismus untergeordnet haben. Von der Vielfalt der Kulturen und Traditionen in Europa wird zwar gern geschwärmt, wenn die Planung für die nächste Urlaubsreise ansteht. Aber ein Land, in dem das Kataster nicht funktioniert und die Autos nicht vom TÜV zertifiziert werden, soll bald nicht mehr dazugehören? Das ist nordeuropäischer Hochmut gegenüber einem angeblich verlotterten Süden.

 

Günter Grass mahnt zurecht: „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, / dessen Geist Dich, Europa, erdachte.“



[1] Der Abenteurer Francisco Pizarro eroberte im 16. Jahrhundert für die spanische Krone das Inkareich.