Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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"Finanzindustrie" - ein Widerspruch in sich

Anglizismen, ob eingedeutscht oder nicht, können lächerlich sein oder zum Ärgernis werden

24.12.2013 Wenn etwas krumm und schief war, dann sagten wir als Kinder: „Schief ist Englisch und Englisch ist modern.“ Das ist lange her. Doch noch immer ist Englisch in Mode, und manches, was wir aus der englischen Sprache übernehmen, ist immer noch ziemlich schräg. Das vermeintlich englische Wort „Handy“ gibt es im englischen gar nicht. Und der Ausdruck „public viewing“ hat im Englischen eine ganz andere Bedeutung als hierzulande, nämlich „öffentliche Leichenschau“.

Zu den Ärgernissen, zu denen solche Wort- und Sprachwanderungen führen können, gehört beispielsweise der Ausdruck „Finanzindustrie“, die eingedeutschte Variante der Bezeichnung „financial industry“ für die Gesamtheit der Finanzdienstleistungsbranche. Die Tatsache, dass „Finanzindustrie“ eine neuere Wortschöpfung ist, belegen ältere Nachschlagewerke. In der Brockhaus Enzyklopädie von 1968 und im Duden von 1996 kommt der Ausdruck nicht vor. In der aktuellen online-Ausgabe des Dudens wird „Finanzindustrie“ dagegen als „Gesamtheit der Einrichtungen, Dienstleistungen u. Ä., die der Beschaffung und Anlage von Kapital dienen“ definiert.

 

Tatsächlich ist diese Bezeichnung zumindest im Deutschen ein Widerspruch in sich. Im Englischen mag es noch angehen, Banken, Börsen und Versicherungen mit ihren unterschiedlichen Geschäftszweigen als „financial industry“ zu bezeichnen, weil das Wort „industry“ hier schon lange als Synonym für Geschäftszweig oder das – auch nicht gerade deutschstämmige – Wort „Branche“ benutzt wird. Im Deutschen aber bezeichnet „Industrie“ das (massen-) produzierende Gewerbe.

 

Zwischen dem produzierenden Gewerbe und dem, was im Finanzsektor „hergestellt“ wird, besteht nun aber ein fundamentaler Unterschied. In der Industrie werden durch Umformung von Rohstoffen materielle Werte hergestellt. Das können Autos oder Bleistifte, Maschinen oder Schuhe sein. In jedem Falle werden durch deren Produktion und Verkauf Einkommen erzielt, und zwar im individuellen wie auch im volkswirtschaftlichen Sinne.

 

Das, was im Finanzwesen „hergestellt“ wird, kann man drehen und wenden, wie man will: Es kommen immer nur Zahlungsversprechen heraus. Entweder eine Bank verspricht, die Kundeneinlagen unter bestimmten Bedingungen und auf Anforderung eines Kunden wieder auszuzahlen, oder sie verpflichtet einen Kreditkunden, einen erhaltenen Kredit samt Zinsen zurückzuzahlen. Bei Derivaten ist es nicht anders: Darin steckt immer eine Verpflichtung, unter bestimmten Bedingungen eine vorher definierte Zahlung zu leisten. Ähnliches gilt auch für Versicherungen, Investmentfonds oder Vermögensverwaltungen.

 

Solche Zahlungsversprechen betreffen immer die Verpflichtung, eine Zahlung irgendwann in der Zukunft zu leisten. Und wie das mit der Zukunft so ist: Sie ist ungewiss. Und deshalb haftet jedem dieser Zahlungsversprechen ein Risiko an. Deshalb kann man leicht vereinfachend sagen: Im Finanzdienstleistungssektor werden Risiken hergestellt.

 

In der jüngsten Krise mussten wir leidvoll erfahren, dass diese Risiken auch Realität werden können. Tatsächlich musste die gesamte Gesellschaft für diese Risiken einstehen, was manche Staaten an den Rand der Zahlungsunfähigkeit und die Europäische Währungsunion nahe an den Zusammenbruch geführt hat.

 

Daran wird deutlich, dass der Finanzdienstleistungssektor sowohl in seinem Kern wie auch in seinen realen Tätigkeiten etwas fundamental Anderes betreibt als der Wirtschaftszweig, den wir als „Industrie“ bezeichnen. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass beispielsweise Banken heutzutage massenweise Finanzprodukte „herstellen“ und ihren Kunden aufschwatzen. Deshalb sollten wir den Ausdruck „Finanzindustrie“ aus unserem Wortschatz streichen.