Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Bürger gegen Banken

Es wird ein ungleicher Kampf werden, dennoch wollen Bürger Europas das Finanzsystem und seine Akteure in die Schranken weisen

05.07.2011 In der vergangenen Woche ist etwas ziemlich Ungewöhnliches geschehen. Eine – auf den ersten Blick – kleine Gruppe europäischer Organisationen und Einzelpersonen hat sich aufgemacht, um das Finanzsystem in Europa vom Kopf auf die Füße zu stellen. Mit anderen Worten: Bürger und Bürger-Repräsentanten wollen sich ernsthaft in den unüberschaubaren Dschungel dessen begeben, was Banken und andere Finanzakteure so treiben und was an den Finanzmärkten getrieben wird. Sie wollen den Dschungel analysieren, seine wertvollen Teile erhalten und stärken und seine parasitären Wucherungen unterdrücken.

 

Bemerkenswert ist dabei zum einen, daß es sich bei den Mitgliedern dieser „Finance Watch“ (www.finance-watch.org) getauften Initiative nicht – oder nicht nur – um „die üblichen Verdächtigen“ handelt, die quasi berufsmäßig gegen dies und jenes eintreten und manchmal auch vor rebellenhaftem Auftreten nicht zurückschrecken. Vielmehr spiegelt die kleine Schar der Gründungsmitglieder ein breites Spektrum der Gesellschaften in den Ländern Europas wider. Zu ihnen gehören die französische Organisation „Secours Catholique“ aus dem weltweiten Caritas-Netzwerk und eine Reihe von Gewerkschaften; Attac Frankreich ist ebenso vertreten wie die Korruptionsbekämpfer von Transparency International; Wissenschaftler, ehemalige Banker, Kapitalanlegerverbände und der Europäische Verbraucherverband machen ebenfalls mit – um nur einige der Mitglieder zu nennen.

 

Man kann also mit Fug und Recht sagen: Es sind die Bürger selbst und ihre Repräsentanten, die sich daran machen, das krisenanfällige und unsoziale Finanzsystem zu ändern. Sie erheben ihre Stimmen, um denjenigen den Weg zu weisen, die die Regeln unseres europäischen Gemeinwesens setzen: dem Gesetzgeber.

 

Die Tatsache, dass dies nun nicht die Gestalt einer Revolte annimmt, ist einer überparteilichen Gruppierung von Europaparlamentariern zu verdanken, die sich vor Jahresfrist selbst darüber beklagt haben, daß sie aus den Gesellschaften Europas keine Stimmen vernehmen können, die klar verständlich ausformulieren, was für ein Banken- und Finanzsystem sie denn eigentlich wollen. Die Parlamentarier selbst riefen deshalb zur Gründung einer Organisation auf, die diese Lücke füllt. Hunderte anderer Abgeordneter aus allen Ebenen der repräsentativen Demokratie, die sich oft genug von den Lobbyisten des Finanzgewerbes überrollt gefühlt haben, schlossen sich diesem Aufruf an.

 

Nun, nach erfolgter Gründung der Organisation und der Bestimmung seiner Organe, kann Finance Watch seine Arbeit aufnehmen. Leicht wird es nicht werden, denn der Kampf für ein gesellschaftskonformes Finanzsystem gleicht dem Davids gegen Goliath. Auf der einen Seite stehen die Lobbys den Banken, Börsen und Versicherungen, der Hedge Fonds und der Private Equity-Beteiligungsgesellschaften, die aus einer mit geschätzten 400 Millionen Euro Jahresetat prall gefüllten Kasse schöpfen können. Auf der anderen Seite sucht Finance Watch sich an einem Jahresetat von etwa zwei Millionen Euro, dessen Finanzierung noch keineswegs in trockenen Tüchern ist, aufzurichten.

 

Hinzu kommt die Komplexität der Materie, mit der sich Finance Watch auseinanderzusetzen hat. Normalbürger, selbst solche mit hoch qualifizierter Berufsausbildung, beschäftigen sich nun einmal nicht hobbymäßig mit dem ökonomischen Thema Kredit, mit strukturierten Finanzierungen oder mit Eigenkapitalanforderungen an Banken – es sei denn, sie arbeiten in einer Bank. Die Art und Weise, wie Finanzgeschäfte betrieben werden, hat aber einen starken Einfluss auf viele Lebensbereiche normaler Bürger. Deshalb verdient Finance Watch breite Unterstützung.