Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Fünf Jahre Finanzkrise

So lang, wie die Krise alt ist, währt nun schon das Gerangel darum, wer für die Berge uneinbringlicher Kredite in der Welt bluten muss: Schuldner oder Gläubiger?

31.07.2012 In diesen Tagen ist es genau fünf Jahre her, daß die IKB Deutsche Industriebank vor dem Bankrott gerettet wurde – oder gerettet werden musste. Der damalige Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Jochen Sanio warnte damals gleich: Wenn die IKB zusammenbreche, dann drohe „die größte Krise des deutschen Kreditgewerbes seit 1931“.

Die IKB brach nicht zusammen, und trotzdem schlitterte nicht nur das deutsche, sondern das internationale Kreditgewerbe in die größte Krise seit 80 Jahren. Längst hat das Krisenvirus andere Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft angesteckt. Heute, nach fünf Jahren Krise, geht es nicht mehr nur um den Bestand einer eher unbedeutenden Industriekreditbank, sondern um den Bestand der Europäischen Währungsunion.

 

Im Laufe dieser Entwicklung hat sich die Perspektive der Betrachter immer wieder verschoben. Anfangs war es eine Krise des US-Immobilienmarktes, dann mutierte das Ganze zu einer Krise derjenigen Banken, die haufenweise gebündelte US-Hypothekenkredite aufkauften, die sich als wertlos erwiesen. Schließlich entdeckten Großinvestoren, daß nicht nur kleine amerikanische Hausbesitzer ihre Schulden nicht mehr bedienen können, sondern auch ganze Staaten: Irland, Portugal, Griechenland, Spanien… Nun war es eine Schuldenkrise.

 

Im Kern aber ist die Krise immer geblieben, was sie ganz am Anfang war: eine Kreditkrise. Es gibt zu viele Kredite in der Welt, jedenfalls mehr als eine große Zahl von Schuldner zu bedienen in der Lage wären. Und Kredit – daß ist nun mal das Kerngeschäft von Banken. Deshalb ist und bleibt diese Krise eine Bankenkrise – auch wenn es neben den Banken mit Pensions-, Investment- und anderen Fonds noch andere Leute und Institutionen gibt, die Kredite vergeben. Zum Beispiel, indem sie Industrie- oder Staatsanleihen kaufen. Das hört sich sprachlich zwar ganz anders an – man kauft „Wertpapiere“ – ist aber im Kern ein Kreditgeschäft.

 

So alt, wie die Krise ist, so lange währt schon das Gerangel darum, wer nun zu bluten hat, Schuldner oder Gläubiger. Unter dem Stichwort „Euro-Krise“ sind die Gläubiger – also Banken und andere Investoren – gerade dabei, die wohlhabenderen Länder der Euro-Zone unter Druck zu setzen, für die höher verschuldeten Länder mitzuhaften. Sie, die Gläubiger, fürchten nämlich nichts mehr als die Kredite, die sie beispielsweise an Griechenland oder spanische Banken vergeben haben, als uneinbringlich abschreiben zu müssen. Dann wären nämlich viele dieser Gläubiger pleite.

 

Davor haben viele Politiker Angst, weil sie dann wieder notleidende Banken retten müssten – mit Geld, das sie nicht haben, sondern sich erst wieder leihen müssten. Ansonsten, so die Befürchtungen der Politik, gäbe es mit einem Massensterben von Banken ein unvorhersehbares Tohuwabohu.

 

Immerhin gibt es da noch die Instanz, die dem ganzen ein Ende setzen könnte: die Europäische Zentralbank, die zumindest theoretisch so viel Geld drucken könnte, daß damit alle Schulden bezahlt werden könnten. Das aber würde wohl zu einer Hyperinflation führen. Das will auch niemand.

 

Nun, da die Ratlosigkeit groß ist, setzt man auf demonstrative Einigkeit. Die EZB, sagt Mario Draghi, werde „alles Notwendige“ tun, um den Euro zu retten. Und Angela Merkel und François Hollande versichern, „alles zu tun“, um den Euro zu schützen. Die EZB wird ängstlichen Bankiers spanische und italienische Anleihen abkaufen und damit frisches Geld in die Banken pumpen. Und die Politik wird weiterhin die Gläubiger schützen und dafür sorgen, daß der gemeine Steuerzahler die Zeche bezahlt. Na dann, noch schöne Sommerferien!