Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Die Zauberlehrlinge von Brüssel

Die Finanzpolitiker der Euroländer haben Mühe, die Geister zu bändigen, die sie mit der Finanzmarktderegulierung gerufen haben

11.05.2010 So viel Überraschung war selten. Schwarz-Gelb ist abgewählt in Nordrhein-Westfalen, Rot-Grün hat aber auch keine Mehrheit. Die Wähler des bevölkerungsreichsten Bundeslandes haben der bürgerlichen Regierung in Berlin einen Denkzettel verpasst. Da müssten die Börsianer nach herkömmlicher Logik am Montagmorgen eigentlich in Sack und Asche gehen.

 

Doch weit gefehlt. Die Börse boomt und der Beobachter des Geschehens macht sich Gedanken über die Bedeutung von Politik in der Finanzwelt. War es nicht immer so, dass die Aktienkurse sanken, wenn die Linke in Wahlen erstarkte?

 

So spannend der Wahlabend auch gewesen sein mag. Banker und Fondsmanager ließen sich vom Geschehen an Rhein und Ruhr an diesem Wochenende nicht beeindrucken. Für sie war Brüssel der wichtigere Schauplatz. Dort wurde das Drama „Die Rettung des Euro“ uraufgeführt, das in seiner Thematik verdächtige Parallelen zu Goethes Ballade vom Zauberlehrling aufweist.

 

Die alten Hexenmeister, Herren über mehr als ein Dutzend lebendiger Währungen, haben sich vor Jahr und Tag aus dem Staub gemacht. Kurz zuvor hatten sie ihre Währungen zusammengelegt und ihren Lehrlingen erklärt, mit welchen Zaubersprüchen diese den inneren Wert der neuen Einheitswährung erhalten und sie zum Nutzen der Wirtschaft lenken könnten.

 

Dummerweise haben die Lehrlinge, allesamt nationale Wirtschafts- und Finanzpolitiker, die komplizierte Grammatik der Zaubersprüche zur Währungssteuerung nicht richtig verstanden. Einige von ihnen wirtschafteten einfach so weiter wie zuvor, als es noch nationale Währungen gab. Andere konnten das Geheimnis der Währungshexerei nicht für sich behalten, weihten die Großmeister der Geldvermehrung in die Kunst der Währungssteuerung ein und ließen sie mitregieren.

 

Diese hatten aber nicht die Geldwertstabilität und das reibungslose Funktionieren des Zahlungsverkehrs im Sinn, sondern trachteten danach, soviel Geld in die eigenen Taschen zu lenken, wie sie kriegen konnten. Obendrein waren die Großmeister der Geldvermehrung schlau und wissbegierig und bemerkten schnell, dass die Hexenlehrlinge allerlei Fehler machten. Und sie lernten, wie man daraus Profit schlagen kann, indem man munter mit den unterschiedlichen Währungen jongliert.

 

Während der Griechenland-Krise bemerkten die Hexenlehrlinge, welche Macht sie den Großmeistern der Geldvermehrung in die Hände gegeben hatten. Aus Furcht, die Kontrolle über die eigene Währung vollends zu verlieren, trafen sie sich am vergangenen Wochenende in Brüssel, um der Geister Herr zu werden, die sie mit den Großmeistern der Geldvermehrung gerufen hatten.

 

Die Strategie, derer sich die Lehrlinge nun bedienen, ist riskant. Sie ändern die Regeln, nach denen die Währungssteuerung bislang funktionierte: Anstelle der einzelnen Mitgliedsstaaten soll künftig auch die Europäische Union Schulden aufnehmen können. Und sie haben verabredet, notfalls selbst im Gewerbe der Geldvermehrung aktiv zu werden: Ihre Notenbank soll künftig bei Bedarf Geld drucken, wenn die Großmeister der Geldvermehrung ihnen die Geldversorgung verweigern. Denn nicht nur amerikanische Verbraucher sind süchtig nach Kredit, Europas Regierungen sind von geliehenem Geld genauso abhängig. Fällt der Nachschub aus, dann droht eine schmerzhafte Entzugstherapie.

 

Was nun ansteht, ist ein Machtkampf darum, wer die eigentlichen Herren und Meister der Währung Euro sind: die Zauberlehrlinge aus den Wirtschafts- und Finanzministerien und die Europäische Zentralbank, oder die Großmeister der Geldvermehrung aus den Finanzzentren der Welt. Blickt man auf die gestrigen Aktien-, Anleihe- und Devisenkurse, so haben sich die Letzteren immerhin beeindruckt gezeigt. Wie lange die Marktberuhigung anhält, ist jedoch noch nicht abzusehen.

 

Die Zauberlehrlinge müssen nun allerdings aufpassen, dass bei den neuen Regeln der Währungssteuerung die Geldwertstabilität nicht auf der Strecke bleibt. Bei Goethe kommt der Hexenmeister irgendwann zurück und befiehlt dem vom Lehrling zum Wasserträger verwandelten Besen, sich wieder zum Besen zurückzuverwandeln. Aber wer glaubt in der Realität des Jahres 2010 noch an Hexenmeister?