Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Das Zeitalter der Extreme ist vorbei

Radikallösungen dürften bei der Bewältigung der Euro-Krise nicht weiterhelfen – Die Fehler müssen beseitigt werden

04.01.2011 Wo es gut läuft, haben Kritiker nichts zu melden. Als die Immobilienpreise in Amerika und Spanien, Großbritannien und Irland immer schneller stiegen, blieben die Stimmen der wenigen Mahner ungehört. Manche dieser Stimmen wurde sogar als störend empfunden. So wurde beispielsweise der ehemalige Chefvolkswirt einer großen amerikanischen Investmentbank, der jahrelang seine Sorgen über die wachsenden Handelsungleichgewichte zum Ausdruck brachte und einen Crash prophezeite, von seinem Posten verdrängt. Diese Handelsungleichgewichte gelten als Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Inzwischen hat sich die öffentliche Wahrnehmung grundlegend geändert. Eine kritische Haltung gegenüber Banken gehört heute regelrecht zum guten Ton. Gegner des gegenwärtigen Geldsystems finden mit ihren Alternativvorschlägen wieder Gehör. Kapitalismuskritik ist selbst in besseren Kreisen en vogue, seit sich hochgejubelte Vermögenswerte in Luft aufgelöst haben.

 

Ganz aktuell erscheinen die kritischen Stimmen zum Euro, seit die Konstruktionsfehler der Gemeinschaftswährung im vergangenen Jahr offen zutage getreten sind. Zu Wort kommen nicht nur diejenigen wie etwa der frühere Landesbanker Wilhelm Hankel, die schon immer gegen den Euro waren. Auch Bekehrte wie Hans-Olaf Henkel, die die Krise des Euro durch dessen Aufspaltung in Euro-Süd und Euro-Nord lösen wollen, sind in Talk-Shows gern gesehene Gäste.

 

Ihre Forderungen erscheinen auf den ersten Blick plausibel: Was schlecht ist, muss weg. Der Euro erweist sich mehr und mehr als Währung in der Krise. Man hat ihn eingeführt, also kann man ihn auch wieder abschaffen. Und wenn wir erst die gute alte D-Markt wiederhaben… Das klingt alles sehr ähnlich wie der überaus populistische Auswurf eines früheren Bundeskanzlers über Sexualstraftäter: „Wegsperren, auf immer und ewig!“

 

Derlei Radikallösungen sind im frühen 20. Jahrhundert weltweit in Mode gekommen. Mit der russischen Revolution wurde der ungeliebte Kapitalismus abgeschafft. Die Deutschen haben die ungeliebte Republik durch das Dritte Reich ersetzt. Weil Menschen und Systeme dabei von einem Extrem ins andere wankten, haben Historiker das vergangene Jahrhundert als „Zeitalter der Extreme“ bezeichnet. Im Rückblick sollten wir erkannt haben, dass der Welt diese Neigung zu Radikallösungen nicht gut bekommen ist.

 

Es gibt bessere Problemlösungen: Man kann zum Beispiel aus Fehlern lernen und Fehlkonstruktionen wie etwa die des Euro nachbessern. Dafür sind allerdings erhebliche Fachkenntnisse und ökonomisches Detailwissen erforderlich. Wer in der Debatte darüber, wie der Euro krisensicherer gemacht werden könnte und müsste, mitreden will, der muss sich schon tief in die komplizierte Materie einarbeiten. Das ist erstens nicht jedermanns Sache, und viele Argumente, die auf solcher Fachkenntnis und solchem Detailwissen basieren, kommen – zweitens – in oberflächlich geführten Talk-Show-Diskussionen nicht gut an. Da bekommt der Befürworter einer Radikallösung doch wieder den größeren Applaus.

 

Trotzdem dürfte die mühsame Fehlerbeseitigung zu besseren Lösungen führen. Daimler-Benz hat sein Unternahmen ja auch nicht auf der Basis der Mercedes S-Klasse begründet. Vielmehr war diesem Luxus-Automobil eine hundertjährige Entwicklungsarbeit vorausgegangen. Im Verlauf dieser Entwicklungsarbeit wurde das Automobil populär, obwohl es dafür anfangs noch gar keine Autobahnen gab.

 

Der Euro ist eine gute Idee, aber mit Fehlern behaftet. Letztere müssen nun beseitigt werden. Hundert Jahre, wie beim Automobil, haben wir dafür nicht Zeit. Vielleicht nur noch dieses eine Jahr 2011.