Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Lasst die Flüchtlinge ins Land

Die Abschottung der EU gegen Einwanderer ist menschenverachtend und wirtschaftlicher Unfug

08.10.2013 Die Europäische Union hat mehr als 500 Millionen Einwohner. Sie gilt als eine der wohlhabendsten Regionen weltweit. Etliche Mitgliedsländer plagen sich mit einem echten oder vermeintlichen Demographie-Problem herum, weil zu wenige Kinder geboren werden und die Bevölkerung immer älter wird. Manche Demagogen malen gar Schreckensbilder an die Wand: „Die Deutschen sterben aus“, heißt es dann gelegentlich. Aber wenn ein paar Tausend junge, kräftige Menschen von außerhalb an die Grenzpfosten der EU klopfen und um Einlaß bitten, dann sagen wir: „Das Boot ist voll“. So hieß es einst in der Schweiz, als die Eidgenossen keine jüdischen und sonstigen Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich mehr aufnehmen wollten.

 

Tatsächlich gibt es viele volle Boote, aber die stehen oder schwimmen nicht innerhalb der EU-Grenzen, sondern auf den Gewässern davor. Meist sind es erbarmungswürdige, abgetakelte Kähne, die übervoll gestopft sind mit Menschen, die den erbärmlichen Verhältnissen ihrer Heimat zu entfliehen suchen. Dabei riskieren sie sogar das eigene Leben und das ihrer Kinder. Doch wer sich dieser Menschen, die vor der italienischen Küste in den Wellen schaukeln, erbarmt und ihnen hilft, macht sich der Beihilfe zur illegalen Einwanderung schuldig.

 

Das ist kein Wirtschaftsthema? Doch, es ist sehr wohl eines. Das beginnt schon damit, daß immer wieder davon die Rede ist, was die Aufnahme von Flüchtlingen kostet. Ganze Volkswirtschaften wie aktuell Italien fühlen sich dadurch überfordert. Tatsächlich entsteht die Überforderung aber nicht dadurch, daß es immer wieder Tausenden von Flüchtlingen gelingt, das rettende Ufer zu erreichen. Vielmehr entsteht es dadurch, daß innerhalb der EU die Regel herrscht: Das Land, das die Flüchtigen innerhalb der EU als erstes aufnimmt, ist für sie verantwortlich.

 

Die Überforderung ist mithin in erster Linie eine relative, eine gefühlte, als ungerecht empfundene. Wenn vor allem Flüchtlinge aus Nordafrika in großer Zahl übers Mittelmeer in die EU streben, dann sind naturgemäß Griechenland, Italien und Spanien wesentlich stärker betroffen als Österreich, Polen oder Finnland. Die Ersteinwanderungsland-Regel schützt die letzteren und lässt die ersteren im Regen stehen.

 

Weiter wird über die Flüchtlinge und Einwanderer gesagt, sie seien schlecht ausgebildet. Was wir dagegen bräuchten, sind hochqualifizierte junge Menschen, die imstande sind, unser Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Dabei unterschlagen wir, daß auch die eigenen Kinder von Deutschen, Franzosen oder Tschechen, wenn sie auf die Welt kommen, denkbar schlecht ausgebildet sind. Bei ihnen wenden wir Milliarden für Kindererziehung, Schulbildung und Ausbildung auf um sie fit zu machen für das Berufsleben.

 

Die Flüchtlinge und Einwanderer dagegen haben ihre Kinderstube schon hinter sich und zumeist auch eine – wenn auch oft nur rudimentäre – Schul- oder sonstige Ausbildung. Wären wir wirklich offen für Zuwanderung, dann würden wir hier nachlegen und den Flüchtlingen helfen, sich zu qualifizieren. Die Investition würde sich gewiss lohnen und fiele viel kostengünstiger aus als die Erziehung und Ausbildung eigener Kinder. Stattdessen nehmen wir lieber Akademiker auf, deren Ausbildung andere Länder finanziert haben. Dabei könnten gerade diese in ihren Heimatländern mit dazu beitragen, daß sich die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse dort verbessern und nicht mehr so viele Menschen in die EU streben.

 

Vor 80 Jahren, als Deutschland noch viel größer als heute war, redete ein Politiker den damals rund 60 Millionen Deutschen ein, sie seien ein Volk ohne Raum. Heute, in einem kleineren Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern heißt es, wir stürben aus. Aber Flüchtlinge lassen wir nicht ins Land. Was für ein Unfug.

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