Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Die Krise als Risiko

In der Krise finden selbst die Anhänger radikaler und abstruser Ideen wieder Gehör

25.8.2009 Wenn es kriselt, wenn es mulmig wird, suchen die Menschen nach Orientierung. Sie wollen wissen, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist und welche Wege in eine bessere Zukunft führen.

 

Wie die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt, ist während der vergangenen Jahre und vielleicht Jahrzehnte vieles schief gelaufen, das letzten Endes zu dem Absturz der Wirtschaft geführt hat, wie wir ihn seit September 2008 erlebt haben. Nun hat die Suche nach neuen Rezepten und Konzepten wieder Konjunktur.

 

Die Regierenden hatten nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers nicht viel Zeit. Sie mussten schnell handeln, um Banken und Konjunktur zu retten und haben sich deshalb der Konzepte des britischen Ökonomen John Maynard Keynes erinnert: Wenn Unternehmen nicht mehr investieren und Verbraucher nicht mehr konsumieren (können), muss der Staat mit zusätzlichen Ausgaben die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage ankurbeln. Man muss nicht mit allen eingeleiteten Maßnahmen einverstanden sein um anzuerkennen, dass die Regierungen damit beachtliche Erfolge, oder doch wenigstens Anfangserfolge, erzielte haben.

 

Andere Beobachter der Szenerie hatten mehr Zeit. Sie grübeln schon seit Jahren in irgendwelchen Elfenbeintürmen darüber nach, was alles schief läuft und wie Wirtschaft und Gesellschaft besser funktionieren könnten. In normalen Zeiten hatten die meisten dieser Weltverbesserer kaum Chancen, bei irgendjemandem Gehör zu finden. Das hat sich inzwischen geändert.

 

Am weitesten haben es zuletzt die Anhänger des Unternehmers und Ökonomen Mario Gesell gebracht. Selbst Notenbanker haben schon öffentlich über seine Idee debattiert, den Umlauf des Geldes in der Krise mit einem negativen Zins zu beschleunigen. Die Anhänger von Gesells Thesen gehen noch weiter: Sie versprechen eine stabile und freiheitliche Marktwirtschaft, in der Vollbeschäftigung herrscht, indem Grund und Boden vergesellschaftet und der Zins auf „umlaufgesichertes“ Geld abgeschafft wird.

 

Anhänger dieser als „Freiwirtschaft“ bezeichneten Lehre reisen jetzt, in der Krise, durchs Land und halten volkstümliche Reden. Dirk Sollte beispielsweise, vom Forschungsinstitut für angewandte Wissensverarbeitung in Ulm, verspricht dabei gleich die Befreiung der Menschheit von den Übeln der Überbevölkerung und des maroden Weltfinanzsystems.

 

Andere, wie etwa Torsten Polleit, Chefökonom der Barclays Bank Deutschland, befürwortet eine Rückkehr der Währungen zum Goldstandard.

 

Nimmermüde diskutieren auch die Anhänger der Ideen des Neoliberalismus, man solle die Wirtschaft sich nur frei von Einmischungen des Staates entwickeln lassen, dann wird alles gut. Dabei argumentieren sie gern mit Statistiken, die buchstäblich und wahrhaftig bis in die Steinzeit zurückreichen. Seither sei doch die Menschheit immer wohlhabender geworden, da müsse sich niemand Sorgen um die Zukunft machen. So hat auch Ronald Reagan mit seiner „Trickle-down“-Theorie argumentiert, bevor er die Aushöhlung des amerikanischen Mittelstands in die Wege geleitet hat.

 

Gesell-Anhänger Sollte übertrifft die Neoliberalen noch und geht gleich vier Millionen Jahre bis zum Auftauchen der ersten menschenähnlichen Lebewesen auf der Erde zurück.

 

Derart radikale Umbauten von Wirtschaft und Gesellschaft wurden im 20. Jahrhundert schon zweimal unternommen. Beim ersten Versuch entstand die Sowjetunion, beim zweiten das Dritte Reich. Man möchte meinen, aus diesen Desastern hätten die Menschen gelernt. Das Risiko dieser Krise ist, dass politikverdrossene Bürger jetzt in der Ideenwelt wieder nach neuen Fixsternen Ausschau halten, die ihnen Orientierung geben...