Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
Wolfgang Köhler Redaktionsbüro

Vom Segen einer Pleite

Wenn die disziplinarische Wirkung eines möglichen Bankrotts nicht greift, muss der Staat Gesetze erlassen. Da fühlt sich nun mancher gegängelt.

15.10.2013 Das Scheitern ist Teil der menschlichen Existenz. Wer nie gefallen wäre, wüsste gar nicht, was damit gemeint ist: wieder aufstehen. Wer klug genug ist, der lernt aus seinen Fehlern, die zum Scheitern geführt haben. Es soll sogar Menschen geben, die aus den Fehlern Anderer lernen.

 

Das Scheitern gehört auch zum Kapitalismus. Die Unternehmenspleite ist seine finale Form. Unternehmerisches Scheitern hat indes eine Fülle von Folgewirkungen:

 

  • Die Zerstörung: Das Unternehmen zerfällt, wird liquidiert; der Unternehmer (oder die Eigentümer) und die Gläubiger verlieren ihr Kapital oder Teile davon, die Arbeitnehmer ihre Arbeitsplätze.
  • Das Schöpferische: Alle von einer Pleite Geschädigten müssen sich nach einer neuen Grundlage für ihre wirtschaftliche Existenz umschauen. Wenn sie dabei aus alten Fehlern lernen und kreativ sind, kann das eine ganze Volkswirtschaft stärken.
  • Die disziplinarische Wirkung: Menschen neigen dazu, sich in den Verhältnissen, in denen sie leben und arbeiten, einzurichten. Veränderungen mögen sie nicht. Das Risiko des unternehmerischen Scheiterns aber hält sie auf Trab und lässt sie umsichtig agieren.

 

Nun hat sich während der vergangenen Jahrzehnte eine Wirtschaftsbranche zum zentralen Dreh- und Angelpunkt des Wirtschaftsgeschehens gemacht: der Finanzsektor. Dank weitgehender Liberalisierung und Deregulierung haben Banken viele neue Finanzprodukte und Wertpapiere erfunden, die es vorher so nicht gab, weil sie nicht erlaubt waren. Das Geschäftsvolumen einzelner Banken konnte dadurch dermaßen aufgebläht werden, daß deren Bilanzsumme dem Bruttoinlandsprodukt ihres Landes gleicht oder darüber hinausgeht.

 

Als nun einige von ihnen wegen hoher Verluste zusammenzubrechen drohten, wurden sie auf Kosten der Allgemeinheit gerettet. Das einst eherne Prinzip der Möglichkeit pleitezugehen, wurde außer Kraft gesetzt. Da reagierte die Gesellschaft: Gewinne von Banken privatisieren, Verluste aber der Allgemeinheit aufbürden? Nein Danke!

 

Die Regierungen mussten reagieren: Mit einer Vielzahl von Regulierungsmaßnahmen mussten sie die Finanzbranche zwingen, ihr Verhalten zu ändern und wieder mehr Umsicht walten zu lassen, damit vom Finanzsektor künftig nicht wieder solche Gefahren ausgehen. Die Banken wehren sich dagegen, dieses Werk ist aber noch längst nicht vollendet.

 

Nun hat es in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder gute Gründe gegeben, nach immer weitergehenden Deregulierungen und Liberalisierungen nach dem Staat zu rufen, wenn etwas nicht so läuft wie es sollte. Der Staat, so heißt es dann, müsse seiner Aufgabe gerecht werden und der Marktwirtschaft ein angemessenes Regelwerk geben.

 

Das fällt nun einmal notgedrungen bürokratisch aus. Und viele betroffene Unternehmen und Unternehmer, die geschriebene Gesetze und ungeschriebene Regeln von sich aus einhalten, fühlen sich dadurch gegängelt. „Es gibt einen Mainstream“, beklagte kürzlich der scheidende Präsident des Verbandes des deutschen Maschinen und Anlagenbaus Thomas Lindner, „der dem Staat eine immer größere Bedeutung geben möchte. Ich glaube nicht, daß dies langfristig gesellschaftspolitisch und wirtschaftspolitisch ein erfolgreicher Weg ist“.

 

Recht hat er, der Herr Lindner. Nur ist es sicherlich auch so, daß weder der Unternehmer noch der Steuerzahler Thomas Lindner will, daß bald wieder Banken gerettet werden müssen. Auch wird er sicherlich nicht widersprechen, daß der Staat Gesetze erlassen muss, wenn die ungeschriebenen Regeln der kaufmännischen Vorsicht und des kaufmännischen Anstands, die sich aus dem Risiko unternehmerischen Scheitern herleiten, nicht oder nicht mehr eingehalten werden.

Empfehlen Sie diese Seite auf: