Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Billiglohnland Deutschland

Die europäischen Nachbarn beklagen lautstark die einseitig gestiegene Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft

16.03.2010 Echte Freunde dürfen einander mehr sagen, als man sich von anderen gefallen lässt. Die deutsch-französische Freundschaft aber wird nun wohl auf eine besonders harte Probe gestellt, nachdem die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde dem östlichen Nachbarland seinen hohen Exportüberschuss vorgeworfen hat.

 

Darüber dürften sich viele Deutsche empören. „Wir haben doch alles richtig gemacht“, wird es heißen. Im Wettbewerb mit anderen Volkswirtschaften habe sich die deutsche Wirtschaft während des vergangenen Jahrzehnts seit Einführung des Euro aus ihrer Stagnation heraus gerappelt und sich mit Lohnzurückhaltung fit gemacht für den Weltmarkt. Mit dem Titel „Exportweltmeister“ wurde es ihr gedankt. Nun poltert die „Welt“, Frankreich wolle Deutschlands Exporte ausbremsen.

 

Die Kritik der französischen Wirtschaftsministerin wird auch nicht dadurch leichter nachvollziehbar, dass vorher schon EU-Präsident Herman van Rompuy die Deutschen wegen ihrer „unkooperativen Wirtschaftspolitik“ gerügt hat.

 

Dreh- und Angelpunkt dieser Kritik ist die europäische Gemeinschaftswährung. Sie hat innerhalb der Eurozone andere Verhältnisse geschaffen als sie vorher bei unterschiedlichen Währungen herrschten. Wenn die deutsche Wirtschaft vor der Einführung des Euro seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Nachbarländern gesteigert hat, haben diese darauf mit einer Abwertung ihrer Währungen geantwortet. Oder sie haben von den Deutschen eine Aufwertung der D-Mark verlangt, was auf das gleiche hinausläuft. So wurde Deutschlands Vorsprung immer wieder neutralisiert.

 

Nach der Euro-Einführung haben die Euro-Länder in der Mehrzahl einfach so weitergemacht wie vorher. Deutschland hat seine Produktivität zumindest schneller gesteigert als die Nachbarn. Zuletzt hat die deutsche Wirtschaft dank ihrer Leistungskraft die anderen Partnerländer mit Warenexporten geradezu überschwemmt. In den Jahren 2006 bis 2008 erwirtschaftete Deutschland deutlich mehr als die Hälfte seines Leistungsbilanzüberschusses im Austausch mit den 15 anderen Euro-Ländern. Nur steht jetzt den anderen Euro-Ländern das Instrument der Währungsabwertung nicht mehr zur Verfügung.

 

Die Folgen für die Importländer: Höhere Arbeitslosigkeit, steigende Sozialkosten, wachsende Verschuldung der Länder gegenüber Deutschland.

 

In der Krise haben vor allem die Regierungen ihre Ausgaben noch gesteigert, um die Konjunktur zu stützen. Das hat den Zustand der Staatsfinanzen aller verschlechtert. Nun entdecken die Investoren, dass einige Länder schon so hoch verschuldet sind, dass ihre Kreditwürdigkeit beeinträchtigt ist.

 

Das einseitige Streben der Deutschen nach höherer Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft hat aber auch für Deutschland selbst unangenehme Konsequenzen: relativ niedrige Löhne und Gehälter. Schon 2008 warnte beispielsweise das Schweizer Prognos Institut, Deutschland verliere mehr und mehr Fach- und Führungskräfte, weil die im Ausland höhere Einkommen erzielten und sich dort auch einer höheren Lebensqualität erfreuen könnten. Im gleichen Jahr stellten Wissenschaftler des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen mit, dass in Deutschland bereits 22 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor arbeiten – die Rate sei doppelt so hoch wie in den europäischen Nachbarländern. Diese Befunde fand IAQ-Direktor Gerhard Bosch damals „besorgniserregend“. Deutschland entwickle sich zum Billiglohnland. Die Folge: Den Verbrauchern mangelt es am nötigen Kleingeld, um mit beherztem Konsum den Rückgang der deutschen Exporte in der Krise abfedern zu können.