Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Wirtschaft noch nicht über den Berg

Die Halbjahres-Börsenbilanz schönt die tatsächliche Lage: Im Tal der Tränen lauern noch viele Risiken

29.6.2009 Ende des vergangenen Jahres kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel an, 2009 werde „das Jahr der schlechten Nachrichten“. Die Wirtschaftswissenschaftler sahen sich in Erklärungsnotstand. Mancher wollte gleich gar keine Konjunkturprognosen mehr abgeben. Aus den Unternehmen kam eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Nun sind sechs Monate ins Land gegangen – Zeit für eine Halbzeitbilanz.

 

Für die Aktienmärkte fällt diese so schlecht nicht aus, es hätte schlimmer kommen können. Als der Dax am Vormittag des 29. Juni um die 4810 Punkte pendelte, befand er sich exakt auf dem Niveau vom Jahresende 2008. Von ihrem tiefen Absturz in den ersten neun Wochen des Jahres haben sich die Kurse seither in einem erstaunlichen Spurt wieder erholt. Nach den massiven Liquiditätsspritzen der Notenbanken war viel Geld in Umlauf, das nach Anlagemöglichkeiten suchte.  Dabei setzten viele Anleger darauf, dass die Notenbankaktionen und die Bundesregierung mit ihren Konjunkturprogrammen die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs bringen würden.

 

Nach dem Anstieg des Dax von 3666 auf über 5100 Punkte wurde allerdings selbst den hartnäckigsten Optimisten schwindelig. Allem Anschein nach konnte der Sturz der Wirtschaft in eine Abwärtsspirale zwar aufgehalten werden. Die Wirtschaftsleistung schrumpft derzeit nicht mehr ganz so schnell wie noch im Winterhalbjahr. Noch ist allerdings keineswegs sicher, ob vor den Wachstumswerten der nächsten beiden Quartale ein Plus oder ein Minus stehen wird.

 

Die neue Unübersichtlichkeit rührt unter anderem auch daher, dass das Konjunkturprogramm der Bundesregierung vor allem die Binnennachfrage stützen wird. Die ist aber – gemessen am Konsum der privaten Haushalte – von der Krise noch gar nicht so recht heimgesucht worden. Eingebrochen sind im Inland bislang fast ausschließlich die Investitionen der Unternehmen. Ursächlich dafür ist in erster Linie der beispiellose Rückgang der Exporte.

 

Die große Frage ist nun, ob die Binnennachfrage so gestärkt werden kann, dass sie weitere Exportausfälle kompensiert. Betrachtet man die wichtigsten deutschen Industrie- und Exportbranchen Automobile, Chemie und Maschinenbau, dann kann dies allenfalls mit der Abwrackprämie bei der Automobilproduktion gelingen. Indirekt werden davon auch die Chemiebranche und der Maschinenbau profitieren. Die übrigen Elemente des Konjunkturprogramms – Ankurbelung öffentlicher Investitionen – werden dagegen ganz andere Branchen stützen. Obendrein steht noch die Frage ungeklärt im Raum, wie es der Automobilindustrie nach dem Auslaufen der Abwrackprämie ergehen wird.

 

Erhebliche Unsicherheit herrscht auch noch hinsichtlich der Stabilität der Banken. Stellvertretend dafür stehen die Aktienkursentwicklungen von Deutscher Bank und Commerzbank. Die Aktienkurse der Deutschen Bank haben im ersten Halbjahr rund 58 Prozent zugelegt, die der Commerzbank haben 33 Prozent verloren. Die beiden Konkurrenten bilden damit Spitze und Schlusslicht der Gewinner-/Verliererliste im Dax.

 

Dass die Geldinstitute noch keineswegs das Tal der Tränen durchschritten haben, deutet die jüngste Geldspritze der Europäischen Zentralbank an, die im Juni mehr als 400 Milliarden Euro in den europäischen Geldkreislauf hineingepumpt hat. Die Währungshüter befürchten offenbar die Auswirkungen der Pleitewelle in der übrigen Wirtschaft, die den Finanzinstituten noch viele faule Kredite bescheren wird.

 

Für begründeten Konjunktur- (und Börsen-)Optimismus ist es damit noch viel zu früh. Selbst wenn die Wirtschaft demnächst nicht weiter schrumpft, wird es noch viele schmerzhafte Einschnitte geben.