Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Weltanschauungen im Widerstreit

Beim internationalen Streit um Banker-Boni geht es um mehr als nur um Bezahlsysteme

8.9.2009 Der Fortschritt ist eine Schnecke und die Realität eine Frage der Wahrnehmung. Ein Jahr ist vergangen, seit die US-Investmentbank pleite ging und der ehemals größte Versicherungskonzern der Welt vor einem ähnlichen Schicksal gerettet werden musste, seit die Finanzwelt in den Abgrund schaute und dort die Schrecken des Fegefeuers erblickte. Noch länger ist es her, seit die Welt erfahren hat, welch merkwürdige Machenschaften die heftigste Krise des Kapitalismus seit 80 Jahren ausgelöst haben. Und noch immer scheint es so, als könnten sich die Regierenden der wichtigsten Schwellen- und Industrieländer nicht auf eine Reform des Finanzwesens, striktere Regulierungen und eine effektivere Aufsicht der Banken einigen.

 

Mögen deutsche Zeitungen auch von „Einigung“ beim Londoner Finanzgipfel der G20 sprechen. Bei der Lektüre internationaler Zeitungen fällt auf, dass die Ergebnisse des Gipfeltreffens zur Vorbereitung der entscheidenden Sitzung in zwei Wochen in Pittsburgh recht unterschiedlich wahrgenommen werden. Wie die deutschen Blätter feiern französische Zeitungen die neu gefundenen Kompromissformel, der zufolge alle G20-Länder eine Begrenzung der Banker-Boni befürworten. In der in Paris erscheinenden „International Herald Tribune“ dagegen heißt es die kontinentaleuropäischen Politiker hätten ihr Ziel verfehlt, „feste Grenzen für die überhöhten Gehälter“ festzuschreiben.

 

Gerade dieser Streitpunkt über millionenschwere Bezahlungen erfolgreicher Banker erscheint manchmal als eine ebenso nebensächliche wie populäre Arena. Tatsächlich aber werden mit diesen Boni Banker für Geschäfte belohnt, die oft weder den langfristigen Interessen ihrer Arbeitgeber, noch denen der übrigen Wirtschaftswelt dienen. Es geht dabei einzig und allein um Finanzgeschäfte, die den Banken kurzfristig einen maximalen Gewinn einbringen. Wenn alles gut geht, versteht sich. Die Risiken, die die Banker dabei eingehen, können sich jedoch als verheerend erweisen.

 

Wolfgang Gerke, Wirtschaftsprofessor an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat solche Geschäfte schon vor Jahren als „unmoralisch“ verurteilt. Das Jonglieren mit hochkomplexen Finanzinstrumenten zum Wohle (und Risiko) der Banken haben überdies viel zur Dominanz der Finanzmärkte über den Rest der Wirtschaft und über die Politik beigetragen. Nicht zuletzt deshalb kam Gerke seinerzeit zu dem Schluss, dass wir in einer anderen Gesellschaftsform landen werden, wenn von den Kapitalmärkten nicht mit aller Härte des Gesetzgebers mehr „Moral“ eingefordert würde. Die Banker-Boni und die Handlungsanreize, die von ihnen ausgehen, sind deshalb alles andere als nur ein besonders populärer Nebenschauplatz.

 

Dass sich gerade die amerikanische und – inzwischen nicht mehr ganz so hartnäckig – die britische Regierung gegen feste Regeln für die Banker-Bezahlsysteme wehren, kommt nicht von Ungefähr. London und New York sind die wichtigsten Finanzplätze der Welt. Hier werden die wichtigsten Fäden der Macht der Finanzmärkte über die globalisierte Wirtschaftswelt geflochten. Nur ungern wollen die Regierungen diese Macht ihrer Finanzinstitutionen einschränken – nicht zuletzt wohl auch, weil sie als Steuereinnehmer von den hohen Gewinnen ihrer Banken profitieren.

 

Letztlich geht es dabei um unterschiedliche Weltanschauungen, die sich hinter den Begriffen „Freie Marktwirtschaft“ und „Soziale Marktwirtschaft“ verbergen. Die Freie Marktwirtschaft drängt den Staat zur Nichteinmischung in die Wirtschaft. Die Soziale Marktwirtschaft dagegen verlangt nach einem starken Staat, der sich aus Verstrickungen mit Wirtschaftsinteressen lösen soll, wenn er einmal in sie hineingeraten ist. Man darf gespannt sein, zu welchen Kompromissen diese unterschiedlichen Denkschulen in zwei Wochen in Pittsburgh in der Lage sind.